Rezensionen Die Freiheit einer Frau

Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis

Autor: Édouard Louis, Genre: Biografie, Verlag: S. Fischer, ISBN: 978-3-596-00064-7, 1. deutschsprachige Auflage 2021, 93 Seiten, Preis Taschenbuch €13,00

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

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Édouard Louis erzählt in »Die Freiheit einer Frau« schonungslos und liebevoll von seiner Mutter. Die Geschichte der Befreiung einer Frau.
»Meine Mutter hat ihr ganzes Leben mit Armut und männlicher Gewalt gekämpft.« Eines Tages stand Édouard Louis’ Mutter einfach auf und ging. Weg aus der Gegend, weg von ihrem zweiten Mann, der wie der erste soff und sie demütigte. Édouard Louis erzählt eindringlich und gnadenlos vom Wunsch, als Kind eine andere Mutter zu haben, und vom großen Glück, sie heute als befreite und glückliche Frau zu erleben. (Klappentext)

Édouard Louis Mutter bricht mit sechzehn die Schule ab, weil sie schwanger ist und hat mit neunzehn zwei Kinder. Édouard stolpert über ein Foto, das sie als junge Frau zeigt. Sie wirkt auf ihn gelöst und voller Energie, direkt leidenschaftlich. Ganz anders als er selbst sie kennt. Sie erschien ihm von Kindheit an verbraucht und resigniert. Wie hätte es auch anders sein sollen, bei seinem Vater. Wie oft er sie runtergemacht hat. Der viele Alkohol, das Geschrei. Wie oft sie nichts zu essen hatten, weil Zigaretten und Bier wichtiger waren. 

Als er zur Schule ging war sie ihm peinlich gewesen, wie sie ihm hinterhergeschlichen war weil er sein Pausenbrot vergessen hatte. Er wollte nicht, dass seine Mitschüler sie sahen, es war eh schon alles sehr schlimm. Édouard setzte alles daran, zu verhindern, dass seine Mutter ihn wahrnahm wie er war, als Schwulen. Das ganze Dorf zerriss sich über seine Eigenarten das Maul aber seine Mutter sollte nicht wissen, wer er wirklich war.

Und dann eines Tages, als Édouard längst das Dorf verlassen hatte, rief sie ihn an. Schon am Telefon merkte er, dass sich etwas verändert hatte. Wie lebhaft sie mit ihm sprach und um ein Treffen bat. Und natürlich wollte er sie wiedersehen. 

Fazit: Édouard Louis erzählt die Geschichte seiner Mutter mit tiefem Verständnis für ihre damalige Situation. Er fühlt sich schuldig, als Teil, einer von Männern dominierten Welt, die sie eingeengt und gebrochen haben. Und obwohl der Roman von einem zutiefst verpfuschten Leben spricht, weckt er auch Hoffnung. Denn seine Mutter schafft den Absprung. Fängt an ihr eigenes Leben fast so zu meistern, wie sie sich das eigentlich einmal vorgestellt hatte. Eine Hommage an eine misshandelte, gedemütigte Frau, die trotzdem auf die eigenen Füße kommt.

Der Autor: Édouard Louis wurde 1991 geboren. Sein autobiographischer Debütroman »Das Ende von Eddy«, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Seine Bücher erscheinen in 30 Ländern und werden vielfach fürs Theater adaptiert und verfilmt. Im Sommer 2018 war Édouard Louis Samuel Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin, wo er den Begriff der »konfrontativen Literatur« prägte. Zuletzt erschienen »Wer hat meinen Vater umgebracht« und »Die Freiheit einer Frau«. Édouard Louis lebt in Paris.

5/5

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