Rezensionen Von Vieh und Vögeln

Von Vieh und Vögeln von Pilar Adón

Autorin: Pilar Adón, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: Wallstein, ISBN: 978-3-8353-6022-8, 1. deutschsprachige Auflage 02/2026236 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Aus dem Spanischen von Susanne Lange

Mehrfach ausgezeichnete Autorin

Werbelink*
Werbelink*
Werbelink*

‚Wenn ich den Namen Pilar Adón höre, denke ich sofort an fesselnde Geschichten mit vielschichtigen Charakteren, großartige Prosa und außergewöhnliche Bücher.‘ – Fernando Aramburu
Es ist Abend, als sich die Künstlerin Coro ins Auto setzt und ohne bestimmtes Ziel und ohne ihr Handy in die Dunkelheit hinausfährt, ohne zu wissen, dass sie sich Betania nähert, einem abgelegenen Haus, Mitten im Nirgendwo, fast jenseits der Welt. Dort in der Nähe geht ihr das Benzin aus, und sie bittet um Hilfe, wird aber vertröstet, sie solle erst einmal die Nacht im Haus verbringen. Sie ahnt noch nicht, dass sie ein Haus betreten wird, in dem nur Frauen wohnen, die sich gleich kleiden und seltsame Feste feiern und Bräuche haben. Ein Ort, der bevölkert wird von unzähligen Hunden, an dem sich die wilde Natur zeigt. Wo ein riesiger Felsen das Sonnenlicht verbirgt und die Landschaft dominiert, wo im Hintergrund ein See die Grenze markiert, über den ständig Vögel fliegen. Und Coro, die noch immer um ihre ertrunkene Schwester trauert, will gehen, geht aber nicht und scheint dort etwas gefunden zu haben, was sie gar nicht gesucht hat – so wie die Frauen in Betania sie bereits seit ihrer Ankunft zu kennen scheinen. Und so verwächst sie mit dem Anwesen, mit der Natur. Pilar Adón erzählt eine eindringliche Geschichte, in der viele Geheimnisse lauern, darüber, was es heißt, Teil von etwas zu sein, von einer Gemeinschaft, aber auch darüber, was die Trauer mit uns macht, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben. (Klappentext)

Zu ihrer letzten Ausstellung war Coro ungeduscht gegangen, ihre Haut noch geziert von ockerfarbenen Farbpigmenten. Ihre Haare hingen in ungefärbten Strähnen an ihr herunter, die Augen blickten um sich, als wäre sie einem Wahn verfallen. Die anderen werden gedacht haben, sie brauche Hilfe. Und obwohl der Schmerz frisch und groß war, sah sie sich nicht in der Rolle der Bedürftigen.

Am nächsten Morgen fuhr sie los, ungeplant und ohne Ziel. Sie hatte ihr Handy in der Wohnung gelassen. Im Kofferraum sechs Porträts ihrer Schwester, die sie nie ausgestellt hat. Sie würde sie nie verkaufen. Ihre Schwester treibend im Wasser mit immer dem gleichen Gesicht, dem letzten, das sich nicht mehr verändern würde. Sie fuhr bis zum Mittag, hielt an einer Raststätte und schlief ein. Als sie erwachte, aß sie den Rest des Sandwiches und dachte an die anderen. Was sie wohl sagten, wenn sie merkten, dass sie weg war. Kurz dachte sie, dass sie umkehren könnte. Sie liebte die Ordnung und Harmonie, was ihren Bildern zugutekam. Den Stress in den Ausstellungsräumen jedoch, wie sie sie forderten und an ihren Lippen hingen, Jesus, das brauchte sie nicht. Als es allmählich dämmerte, sah sie die Tankleuchte aufblinken, aber weit und breit keine Tankstelle. In der Hoffnung, in einem nächsten Ort tanken zu können, fuhr sie von der Schnellstraße ab. Ohne Orientierung folgte sie einer Landstraße, die in einen Feldweg auslief. Nach mehreren Metern wurde ihr klar, dass sie wenden müsste, es aber wegen der Enge nicht konnte. Sie würde die Bewohner des nächsten Hauses um Hilfe bitten oder einfach stehen bleiben und im Auto übernachten, bis das kommende Tageslicht ihren Horizont erweitern würde. Da sah sie ein Holztor, stieg aus und suchte eine Klingel. Eine Frau mit Taschenlampe lief ihr entgegen, was sie hier wolle. Sie habe sich verfahren und kein Benzin mehr, ob sie ihr helfen könne. Wieder die Frage, was sie hier wolle. Sie habe kein Benzin mehr, ob sie nicht bitte wenigstens auf ihrem Grundstück wenden könnte? Die Frau öffnet das Tor, winkt sie herein und schließt es wieder.

Fazit: Pilar Adón, mehrfach ausgezeichnete spanische Schriftstellerin, hat große Erzählkunst geliefert. Ihre Protagonistin hat einen Verlust erlitten, der sie immer wieder quält. Ihr künstlerischer Erfolg erdrückt sie und so kommt es zu einer Affekthandlung. Sie steigt ins Auto und verfährt sich. Sie landet in einer abgelegenen Gegend an einem Haus namens Bethanien. Man lässt sie herein aber nicht mehr hinaus. Sie versucht einige Male zu entkommen, es wirkt aber halbherzig. Sie beobachtet die Frauen, die dort wohnen und sich teils selbstversorgen. Ihre widerspenstigen Gefühle, sie kommt zur Ruhe, will aber zurück in ihr altes Leben, das allerdings den Verlust verstärkt. Mir gefällt die Stimme der Autorin, wie sie ihre Darstellerin in die Natur hineinwachsen lässt, die versucht, die tiefere Bedeutung des Geschehens zu erfassen. Die Geschichte liest sich, als sei Coro, sobald sie in Bethanien ankam, aus der Realität gefallen und träumte einen luziden Traum. Die Stimmung ist melancholisch und trotz der Bedrohung – sie wird unfreiwillig festgehalten – ruhig. Eine besondere Art, sich auszudrücken, die ich gerne gelesen habe. 

Die Autorin: Pilar Adón wurde 1971 in Madrid geboren. 2022 veröffentlichte sie den Roman ‚De bestias y aves‘, der unter anderem mit dem Premio Nacional de la Narrativa, dem Premio de la Critica sowie dem Premio Francisco Umbral für das Buch des Jahres ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Ihr Schaffen umfasst zwei weitere Romane sowie drei Erzählbände.

Du magst vielleicht auch

Kommentar verfassen