Rezensionen Was nicht gesagt werden kann

Was nicht gesagt werden kann von David Szalay

Autor: David Szalay, Genre: Gesellschaftsroman, Verlag: Claassen (Ullstein), ISBN: 978-3-546-10150-9, 1. deutschsprachige Auflage 10/2025, 382 Seiten, Preis Hardcover €25,00

Booker-Prize-Gewinner 2025

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‚Dieser Roman hat mich unentwegt in Atem gehalten… István ist mir zutiefst ans Herz gewachsen.‘ Dua Lipa Was treibt ein Leben an, was verleiht ihm Wert und woran zerbricht es? István, fünfzehn, lebt mit seiner Mutter in einem Plattenbauviertel am Rande einer ungarischen Stadt. Er ist schüchtern und es fällt ihm schwer, die sozialen Codes der Gleichaltrigen zu durchschauen. Als sich aus der widerwilligen Bekanntschaft zu einer Nachbarin im Alter seiner Mutter eine sexuelle Beziehung entwickelt, die István selbst kaum begreift, gerät sein Leben außer Kontrolle. Ein Unfall ereignet sich, ein Mann stirbt.   Die Jahre, die folgen, führen István von Ungarn nach London, wo er sich von Job zu Job hangelt und wo jede Abzweigung, die er nimmt, bestimmt ist von den guten oder eigennützigen Absichten Fremder. Während er auf ungeahnte Weise aufsteigt und schließlich fällt, bleibt István selbst beinahe unbeteiligt am Geschehen, sprachlos – ein stiller Beobachter seines eigenen, turbulenten Lebens.   Hypnotisch, mit erschütterndem Nachdruck und großer Sensibilität erzählt David Szalay von einem Leben in seinen intimen Momenten – ein Leben, das kaum wahrnehmbar geprägt ist von den Erschütterungen der Gegenwart, der Prekarität menschlicher Existenz in einem kalten Europa.  
Aus der Begründung der Jury zur Nominierung für den Booker Prize 2025:  ‚István steht in vielerlei Hinsicht für das Stereotyp des Maskulinen – körperbetont, impulsiv, von den eigenen Gefühlen entfremdet (und in großen Teilen des Romans sprachlos: Er zählt wohl zu den wortkargsten Figuren der Literatur). Dennoch zeichnet dieses hypnotisierende, fesselnde Buch mit seiner bewusst reduzierten Prosa das überaus bewegende Lebensporträt eines Menschen.‘
+++ Auf der Liste der Besten Bücher 2025 von Guardian, Observer, Financial Times, Daily Telegraph und Daily Mail. ‚Szalay ist ein scharfsinniger Dirigent der Zeit, des Schicksals und der Kräfte, die ein Leben formen.‘ Samantha Harvey ‚Ein großartiger Roman und ein meisterliches Beispiel für die Kunst und Anziehungskraft der Reduktion: scharf, vielschichtig und verstörend weise.‘ William Boyd  ‚Fesselnd und elegant, gnadenlos und bewegend. David Szalay ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller.‘ Tessa Hadley ‚Was nicht gesagt werden kann ist ein wunderbarer Roman – so brillant und weise erzählt er von Glück, Liebe, Sex, Geld.‘ David Nicholls
‚Mit erlesener Präzision und Einfühlungskraft erschafft David Szalay verlorene Männerfiguren, die einen nicht mehr loslassen.‘ Rachel Kushner  ‚Ein fesselnder Thriller, der allmählich die emotionale Wucht einer klassischen Tragödie aufbaut.‘ Carys Davies (Klappentext)

István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm an. Sie reden viel über Sex. Der unfreiwillige Freund hat ein Mädchen gefunden, mit dem er es macht. Er überredet sie, es auch mit István zu machen. Sie besuchen sie. István ist mit ihr allein in ihrem Zimmer, kriegt kaum ein Wort heraus. Er muss unverrichteter Dinge wieder gehen. Sie findet ihn nicht sexy, erfährt er. Er sei noch nicht so weit. Sein Freund hängt jetzt lieber mit anderen ab. 

Die Nachbarin braucht Hilfe beim Einkauf. Seine Mutter sagt zu. István geht mit ihr zum Supermarkt, sie sprechen kein Wort. Er trägt ihr die Sachen hoch und folgt ihr in die Küche. Sie bietet ihm etwas Süßes an und obwohl er sich unwohl fühlt, setzt er sich an ihren Tisch und isst. Er spürt, dass sie Zuneigung für ihn empfindet. Er fühlt nichts für die alte Frau, die älter ist als seine Mutter. Sie fragt, ob sie ihn küssen darf. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ihre Lippen berühren seine ganz sanft. Dann bittet sie ihn zu gehen. István stellt sich vor, wie sie nackt aussieht. Die Vorstellung erregt ihn. Er kann kaum erwarten, dass sie wieder einkaufen gehen. Wieder bietet sie ihm eine Süßigkeit an, wieder küsst sie ihn, diesmal mit Zunge. Beim nächsten mal darf er in ihrem Wohnzimmer auf der Couch sitzen. István hilft ihrem Mann in seinem Schrebergarten, um neben der Schule ein bisschen Geld zu verdienen. Nach einigen Monaten beendet die Nachbarin die Liebschaft. István ist ihr zu nahe gekommen, behauptete, dass er sie liebe. Er steigert sich in ihre Ablehnung hinein, lauert ihr im Hausflur auf. Sie geht ihm aus dem Weg und dann hält er es nicht mehr aus. Er klingelt am späten Abend bei ihr. Ihr Mann öffnet. István sagt, dass er sie sprechen will. Der Mann sagt, dass er verschwinden soll. Es kommt zu einem Handgemenge, der Mann stürzt die Treppe herunter und stirbt. 

Fazit: David Szalay, der diesjährige Booker Prize Gewinner, hat das Leben eines Mannes gezeichnet. Der Ungar István wächst vaterlos bei seiner Mutter auf. Der tragische Unfall des Nachbarn führt ihn in die Jugendstrafanstalt. Danach ist er auf dem Arbeitsmarkt chancenlos und geht zur Armee. Der Irakeinsatz beschert ihm eine posttraumatische Belastungsstörung. István geht von Ungarn nach London und erarbeitet sich ein komfortables Leben. Die Geschichte ist ganz einfach geschrieben, der Klang ist lakonisch und ruhig. Die Lebensumstände sind prekär. Ich habe bisher nie einem Autor zugehört, der seinem Charakter so konsequent treu bleibt. István trifft selbst keine Entscheidungen, das machen immer andere für ihn. Er selbst treibt augenscheinlich willenlos durch sein Leben. Frauen sind für ihn beliebig, sie stoßen ihm zu und umgarnen oder überreden ihn. Zwei bis dreimal in seinem Leben zeigt er aggressives Verhalten, sonst ist er erstaunlich kontrolliert. Die Dialoge sind ermüdend wortkarg und emotionslos. Das Wort okay ist sein treuster Begleiter. Dennoch ist er empathisch, kann mit seinem Gegenüber mitfühlen. Er macht freiwillig Sport, rettet zweimal aus eigener Überzeugung einem Menschen das Leben, aber ansonsten bleibt er von sich selbst entfremdet. Und obwohl dieser Mensch so bewegungsunfähig ist, hat mich die Geschichte gefesselt. Ich wollte nach jeder Seite wissen, wie es weitergeht. Mir ist nicht wirklich klar, was die übergeordnete Botschaft ist oder ob es die überhaupt gibt. Am ehesten verstehe ich, dass István keine männlichen Vorbilder hatte und ganz ungünstig durch Frauen geprägt wurde. Dadurch fehlt ihm die Fähigkeit, seinen eigenen Mann zu stehen. Er scheint ein Bild verkörpern zu wollen, an dem er sich festhalten kann, wie an einer Krücke, das aber leer, körperlos bleibt und das ist gar keine Seltenheit. Eine außerordentliche Erzählung über Männlichkeit, die mich bewegt hat.

Der Autor: David Szalay, 1974 in Montreal, Kanada, geboren, wuchs in London auf. Er studierte an der Oxford Universität. Sein vierter Roman, Was ein Mann ist, stand 2016 auf der Shortlist des Man-Booker-Preises. Ebenfalls auf Deutsch erschienen ist sein Roman Turbulenzen (2020). 

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