Auf allen vieren von Miranda July
Autorin: Miranda July, Genre: Fiktion, Gegenwartsliteratur, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-00117-4, 1. deutschsprachige Auflage 2024, 407 Seiten, Preis Hardcover €25,oo
Miranda July ist eine der aufregendsten Künstlerinnen unserer Zeit. Ihre Kinofilme, Kunstaktionen und ihre Bücher werden weltweit gefeiert und sehnsüchtig erwartet. Ihr neuer Roman »Auf allen vieren« beweist erneut, dass diese Autorin ihresgleichen sucht.
Eine mittelmäßig bekannte Künstlerin schenkt sich selbst zum 45. Geburtstag einen Trip von der Westküste der USA nach New York. Sie möchte sich selbst etwas beweisen und plant die Tour alleine mit dem Auto, raus aus der Komfortzone. Nach zwei Wochen muss sie wieder zurück sein, bei Mann und Kind, aber vor allem, weil die größte lebende Popsängerin sie treffen möchte, um über ein gemeinsames Projekt zu sprechen. Doch weit soll sie nicht kommen. Wenige Kilometer von ihrem Vorstadthaus entfernt, verliebt sie sich vermeintlich in den Mann, der ihre Autoscheibe an der Tankstelle saubermacht, Davey. Sie mietet sich in einem billigen Motel ein, lässt ihr Zimmer von Daveys Frau völlig neu einrichten und imaginiert sich in ein anderes Leben hinein.
Ein großer Roman über Weiblichkeit abseits der Norm und Lust außerhalb von Konventionen. (Klappentext)
Sie wohnt mit ihrem Mann Harris und Sam, ihrem siebenjährigen non-binären Kind in einem Haus am Stadtrand von Los Angeles. Sie kommt nach Hause und findet einen Zettel ihres Nachbarn Brian. Ein Mann habe mithilfe eines Teleobjektives ihr Haus fotografiert. Brian arbeitet beim FBI, das weiß sie, weil er seine schusssichere Weste immer trägt. Sie erzählt Harris davon, der wie so oft nur halb zuhört und kaum verständliche Töne in seinen Bart brummt. Sie schleichen umeinander herum und führen den bekannten Eiertanz aus. Sie ist Schriftstellerin und um einiges weniger erfolgreich als Harris der Musikproduzent ist.
Sie will immer wissen, wie es sich anfühlt, jemand anders zu sein, deshalb horcht sie ihre Freundinnen aus, die sie dann per E-Mails oder Screenshot an ihren Beziehungen teilhaben lassen. Seit Jahren schicken sie sich immer mal wieder Nackt Selfies, um sich gegenseitig ihr noch vorhandenes Sex-Appeal zu bestätigen. Bei Harris bemüht sie sich, im sieben Tage Rhythmus seinen Bedarf an Körperlichkeit zu befriedigen und seine Stimmung zu heben.
Eine Whiskyfirma hat einen ihrer Sätze für einen Werbespot benutzt und sie reichlich entlohnt. Für dieses Whiskygeld will sie sich etwas Gutes tun und nach New York fliegen, sie ist jetzt fünfundvierzig. Harris findet, dass sie die Strecke mit dem Auto bewältigen sollte, denn so eine Reise verspreche die Aussicht auf gute Unterhaltung. Sie will sich nicht anmerken lassen, dass sie sich eine Fahrt quer durch Amerika alleine nicht zutraut und lässt sich zähneknirschend darauf ein. Sie steigt guter Dinge in den Wagen und strandet nur dreißig Minuten von Zuhause entfernt in einem Motelzimmer, das ihr ihre ganze Kreativität abverlangen und ihre weibliche Lust entfachen wird.
Fazit: Miranda July hat eine ganz außerordentliche Geschichte geschaffen. Ihre namenlose Ich-Erzählerin ist eine quirlige Mittvierzigerin in der Perimenopause. Die Angst, alt und nicht mehr begehrenswert zu sein, treibt wilde Blüten. Um ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen verstrickt sie sich in Lügen. Sie entwickelt eine Liaison zu einem ortsansässigen jungen Mann, der sie bewundert und wertschätzt. Bei ihm findet sie eine Nähe und Intimität, die neu für sie ist, daraus entwickelt sie eine Obsession aus sexuellen Fantasien, die ihre schier unersättliche Lust schüren, die vor keinem Geschlecht halt macht. Die Erzählung ist abgefahren und wider Erwarten kein bisschen schmuddelig, sondern durch und durch lustvoll. Während des Lesens war ich mitten drin in dem Motelzimmer, lag auf der roten Seidentagesdecke oder saß auf einem der Louis quatorze Sessel und sah ihr dabei zu, wie sie zu sich selbst findet. Großartige Unterhaltung und eine emotionale Offenbarung.
Die Autorin: Miranda July, 1974 in Barre (Vermont) geboren, ist Filmemacherin, Künstlerin und Schriftstellerin. Ihre Arbeiten wurden schon im Museum of Modern Art und auf der Biennale in Venedig gezeigt. Bei den Spielfilmen ‚Ich und du und alle, die wir kennen‘ (2005) und ‚The Future‘ (2011) schrieb sie das Drehbuch, führte Regie und spielte die Hauptrolle. ‚Zehn Wahrheiten‘, ihr Debüt als Autorin, wurde mit dem Frank O’Connor-Preis ausgezeichnet, dem höchstdotierten Kurzgeschichtenpreis der Welt. Sie entwickelte die Messaging-App ‚Somebody‘, die Nachrichten nicht elektronisch übermittelt, sondern Personen in der Nähe sucht, um diese persönlich zu überbringen. Miranda July lebt in Los Angeles.
Stefanie Jacobs, geboren 1981, lebt und arbeitet als freie Übersetzerin in Wuppertal. Für ihre Übersetzungen von K-Ming Chang, Lisa Halliday, Ben Marcus, Edna O’Brien und vielen anderen Autor:innen wurde sie mehrfach auszeichnet, zuletzt mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis.