Rezensionen Untergrund

Untergrund von Annegret Liepold

Autorin: Annegret Liepold, Genre: Politische Fiktion, Verlag: Blessing, Penguinrandomhouse, ISBN: 978-3-89667-766-2, 2. Auflage 2025, 255 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Debütroman

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Inmitten des Schweigens ihrer Familie hat Franka sich schon immer verloren gefühlt. Bereits ihre Großmutter, genannt die Fuchsin, hortete Geheimnisse wie die schwarzen Steine in ihrer Schürze. Als Franka mit Ende Zwanzig in die fränkische Provinz mit den Himmelweihern und Spiegelkarpfen zurückfährt, sieht sie endlich hin: Wie das war in den Nullerjahren, als Deutschland Weltmeister im eigenen Land werden wollte. Als ihr Vater starb und sie in Patrick und Janna Gleichgesinnte fand, die Unsicherheit mit Krawall, Frustration mit Faustschlägen übertünchten. Als sie immer tiefer in die rechte Szene einstieg. Sie beginnt Fragen zu stellen und sucht nach einer Haltung zur Vergangenheit. Ein hochaktuelles Debüt über eine Jugend auf dem Land zwischen der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, radikaler Wut und den blinden Flecken der eigenen Familie. (Klappentext)

Franka steht mit der Klasse am Eingang zum Oberlandesgericht. Hans Koser, genannt HK hat als Betreuungslehrer ein Auge auf die junge Referendarin. Franka stellt den Schülerinnen ihre Mitbewohnerin Hannah vor. Sie berichtet als Prozessjournalistin regelmäßig über den NSU-Prozess. Verhandelt wird seit 2013 nun das vierte Verhandlungsjahr. Als Jaroš die Angeklagte Zschäpe eine Nazischlampe nennt, driftet Franka weg. Hannah weiß nichts von Janna und Patrick vor fünf Jahren, nichts darüber was Franka und die beiden getan haben. Sie traut sich nicht darüber zu reden und gedenkt stattdessen auszuziehen. 

Franka fährt in ihr Heimatdorf. Sie muss die Ereignisse ergründen, die im Sommer 2006, während der Fußballweltmeisterschaft ihren Anfang fanden. Damals zerbrach die Freundschaft zu Leo unwiederbringlich. Franka war elf, als Leo in ihre Klasse kam. Sie hatte gerade ihren geliebten Vater an den Krebs verloren. Sie zeigte Leo alles über ihre Traditionen der Fischzucht und die Weiher der Umgebung. Leo konnte sich für den glibberigen Teichschlamm und die glitschigen Fische nicht begeistern, aber er mochte ihre Familie. Ihre Großmutter, die alle im Dorf Fuchsin nannten, deren Zwillingsschwester Magda, die immer etwas zu Essen auf dem Herd hatte, und Frankas Tante June, die gerade aus Amerika heimgekehrt war. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander, Leo begleitete sie zum Abschlussball, obwohl da schon klar war, dass sie die letzte Klasse nicht geschafft hatte. An dem Abend berührten sich ihre Lippen.

Wenig später verabredeten sie sich zu einem Treffen der NPD. Franka interessierte sich nicht dafür, sie ging Leo zuliebe hin, weil er wissen wollte, was diese Leute umtrieb, aber Leo kam nicht und Franka lernte Patrick kennen und dann Janna.

Fazit: Annegret Liepold ist ein brisantes und hochaktuelles Debüt gelungen. Sie schickt ihre Protagonistin in die Hände einiger rechtsradikaler Jugendlicher, die in rauem Ton miteinander reden. Dennoch findet die verunsicherte Franka Anerkennung und das Ventil, ihre Wut über den Verlust des Vaters zu kanalisieren. Wirklich gut zeigt die Autorin die dörfischen Vorurteile und die Angst vor Überfremdung, denen mit gesundem Menschenverstand nicht beizukommen ist. Nahezu jeder dieser jungen Leute kann von jemandem innerhalb seiner Familie berichten, der sich als Obersturmführer oder anders bei dem Völkermord nützlich gemacht hat. Interessant und gut aufgearbeitet hat die Autorin ebenfalls die Neigung, den Holocaust zu verleugnen, so als habe es keine Enteignungen, Deportationen und unzählige Morde gegeben. Die Autorin wühlt tief im antisemitischen Dreck und deckt die Mechanismen auf, denen bestimmte Menschen in der Bevölkerung auf den Leim gehen, allen voran junge Menschen, die ganz andere Interessen haben als Geschichtsunterricht und sich mehr auf ihre Unsicherheiten konzentrieren. Der Roman macht nachdenklich. Wie können wir diese Kohortenbildung verhindern. Ich meine nur durch entsprechend ausgebildetes Lehrpersonal, das regelmäßig klasseninterne Diskussionen anleitet und ohne Bewertung zulässt, dass genau über solche Themen geredet wird. Wie war das damals? Was bedeutet Intoleranz? Nehmen mir geflüchtete Menschen wirklich den Arbeitsplatz weg? Muss ich als Frau wirklich Angst haben vor muslimischen Männern? Die Geschichte ist stringent, spannend und wichtig. Ich hoffe sie wird verfilmt. Unbedingt lesen!

Die Autorin: Annegret Liepold, geboren 1990 in Nürnberg, hat Komparatistik und Politikwissenschaften in München und Paris studiert. Für die Arbeit an ihrem Debüt Unter Grund erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u.a. das Literaturstipendium der Stadt München sowie die Einladung zur 15. Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und zur Romanwerkstatt des Literaturforums im Brecht-Haus Berlin. 2022 war sie Finalistin des open mike. Sie arbeitet für die »Bayerische Akademie des Schreibens« am Literaturhaus München.

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