Rezensionen Sorry Not Sorry

Sorry Not Sorry Über weibliche Scham von Anika Landsteiner

Autorin: Anika Landsteiner, Genre: Sachbuch, Feminismus, Verlag: Rowohlt Polaris, ISBN: 978-3-499-01273-0, 1. Auflage 2024, 255 Seiten, Preis Hardcover €20,00

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Was hat Scham mit Weiblichkeit zu tun?
Scham zu empfinden ist vollkommen normal, ganz unabhängig vom Geschlecht. Doch Frauen schämen und entschuldigen sich besonders oft: für den eigenen Körper, weil sie als zu erfolgreich gelten, Single sind oder kinderlos bleiben. Anika Landsteiner hat ebendieses Phänomen auch bei sich festgestellt und geht der Frage nach, warum das so ist. In klugen, persönlichen Texten über alle Aspekte ihres Lebens – von Arbeit über Krankheit und Sexualität bis hin zur Auseinandersetzung mit ihrer Biografie – reflektiert sie über Selbstwert, Grenzüberschreitungen und darüber, dass sie sich nicht mehr kleinmachen lässt, weder von sich selbst, noch von anderen. (Klappentext)

Anika Landsteiner stellt sich der Frage warum wir Frauen besonders häufig dieses mulmige Gefühl der Scham verspüren und beginnt ihre Suche mit dem Beispiel ihrer Großmutter. Die Familie verbot dieser, darüber zu sprechen, was mehrere Männer ihr angetan hatten, zu groß sei die Angst vor der Schande für die Familie gewesen. 

Die Autorin rollt Einzelheiten aus der Geschichte auf, die sie in anschließenden Kapiteln genauer beleuchtet. Beginnend bei Adam und Eva, die erst in das Gefühl von Scham kamen, nachdem Eva den verbotenen Apfel gekostet hat und dann von Gott beschämt wurde, weil sie nicht auf ihn gehört hatte. Die schwache Eva hatte sich von der Schlange veführen lassen und war fortan schuldig. Anika Landsteiner stilisiert Eva zur Galionsfigur der weiblichen Scham. 

Damit wäre die Schuldfrage geklärt. Was dazu führt, dass Frauen der Gesellschaft etwas schulden. „Sie müssen stets etwas leisten, um die Schuld und ihre Schwäche abzubauen“. S. 13

An zahlreichen archetypischen Beispielen erläutert die Autorin, wie die Rollenbilder in unseren Köpfen entstanden sind. Sie hält die Scham für ein Werkzeug patriarchaler Unterdrückung, die auf zwei Wegen spürbar gemacht wird:

  • 1. Du bist nicht genug
  • 2. Was glaubst du eigentlich, wer du bist?

Sie spricht über die Sexualisierung gerade heranwachsender weiblicher Körper, eine ganze Beauty Industrie, die uns Frauen bombadiert und Bedürfnisse weckt. Über den Gender-Gap, Care-Arbeit und die Institution der Ehe. Die Menstruation, Endometriose, Abtreibung und das Altern, übergriffige und gewalttätige misogyne Männer und Anika Landsteiner spricht über sich und bringt zahlreiche Beispiele aus ihrem Leben ein. 

Fazit: In diesem Buch stecken reichlich Informationen über die immer noch systemische Benachteiligung von Frauen, die gesellschaftliche Akzeptanz finden. Ich mag die Intention, ein Buch für weibliche Selbstermächtigung zu schreiben sehr, weil es helfen kann, Missstände bewusst zu machen. Ich finde auch, dass man gar nicht genug auf Stereotype hinweisen kann und dass wir Frauen weniger perfekt und im Tausch entspannter sein könnten. Manche Aussagen hätte ich mir allerdings besser untermauert gewünscht, mehr Fakten weniger Behauptungen. So glaubt sie zu wissen, dass viele Frauen sich während der Menstruation unter Schmerzen zur Arbeit schleppen, weil die Scham zu groß sei, wegen Unterleibschmerzen zu Hause zu bleiben. Ich denke, wer sich krank meldet, muss keine Gründe angeben, es geht niemanden etwas an, was eine*n kränkeln lässt. 

Viele Frauen seien wenige Tage nach ihrer Hochzeit enttäuscht und zeigten depressive Verstimmungen. Da denke ich, das ist etwas einseitig dargestellt. Es geht den Männern nicht anders, denn auf der Life-Event-Skala erreichen Männer, was den Stresslevel, durch die vermutete Erwartungshaltung an sie, stets eine Familie versorgen zu können, angeht, 10 von 10 Punkten. Wir sind eben alle geprägt von bestimmten Rollenbildern, die uns mehr schaden als dass sie Sinn ergeben. Manche Kapitel fand ich ermüdend, was glaube ich daran liegt, dass sie nah an „Was wollt ihr denn noch alles?“ von Alexandra Zykunov schreibt. Am besten fand ich die beiden letzten Kapitel über Misogynie und die #metoo Debatte. Da schien sie sich eingeschrieben zu haben, weswegen Reichelt, Valentin Moritz, Trump und Lindemann ihr wohlverdientes Fett abgekriegt haben. Ab da hat mir das Buch so richtig Spaß gemacht. Gerne möchte ich an dieser Stelle abschließend auch ihren Roman „Nachts erzähle ich dir alles“ empfehlen, den ich großartig fand.

Die Autorin: Anika Landsteiner wurde 1987 geboren und arbeitet als Autorin und Journalistin. Ihr Fokus liegt dabei auf gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, Tabuthemen, Feminismus und Popkultur. Im Podcast ‚Hello, lovers!‘ spricht sie mit der Paartherapeutin Dr. Sharon Brehm darüber, wie gleichberechtigte Liebe funktionieren kann. Sie ist Autorin von drei Romanen. In ‚So wie du mich kennst‘ ging es um Trauerbewältigung und häusliche Gewalt, der Roman stand mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Ihr aktuelles Buch ‚Nachts erzähle ich dir alles‘ handelt von weiblicher Selbstbestimmung.

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