Rezensionen Nachts erzähle ich dir alles

Nachts erzähle ich dir alles von Anika Landsteiner

Autorin: Anika Landsteiner, Genre: Fiktive Erzählung, Verlag: Imprint Krüger der Fischer Verlage, ISBN: 978-3-8105-3087-5, 1. Auflage 2023, 367 Seiten, Preis Hardcover €24,00

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»Ich habe Frankreich beim Lesen gerochen und gefühlt. Anika Landsteiner lässt einen tief eintauchen – in komplizierte Beziehungsgeflechte und die ganz großen Fragen.« Ninia LaGrande

Léa flieht vor ihrem Leben. Sie tauscht den deutschen Sommer gegen den südfranzösischen und fährt auf das alte Familienanwesen an der Côte d’Azur. Doch ihr Plan, dort zur Ruhe zu kommen, geht nicht auf: Am Abend ihrer Ankunft unterhält sie sich mit einer jungen Frau, die noch in derselben Nacht ums Leben kommt – und Léa ist die letzte, die sie gesehen hat. Plötzlich steht Émile, der Bruder der jungen Frau, vor Léas Tür. Ihn quälen viele Fragen, weil er erfahren hat, dass seine Schwester schwanger war. Nacht für Nacht erzählen sie sich von ihren längst nicht mehr heilen Familien, sie streiten mit Haut und Haar über Schuld, Angst und Schweigen. Während Léa versucht, zurück ins Leben zu finden, setzt Émile alles daran, zu ergründen, was zum Tod seiner Schwester geführt hat. Wie kann man Abschied von der Vergangenheit nehmen, ohne zu vergessen? (Klappentext)

Léa führt eine kleine Patisserie mitten in München. Sie verlässt ihre Freundin Toni, weil die kein Interessa mehr an ihrer Beziehung zu haben scheint, Léa ist ihr zu wenig geworden. Um dem Schmerz zu entfliehen renoviert sie ihr Café in einem wilden Dschungel-Look, aber das reicht nicht. Deshalb fährt sie in ihr altes Familiendomizil an der Cote d`Azur, um sich zu sammeln und zu vergessen. 

Als erstes trifft sie Claire wieder, die alte Freundin ihrer Mutter. Sie essen, trinken und reden über die Vergangenheit des Hauses. Ihr Großvater, Biologe und Lebemann, der diesen Ort nutzte, um Partys zu feiern. Seine Frau, auch Biologin, die sich dem Nachwuchs, ihrer Tochter Brigitte verschrieb. Brigitte, die jung schwanger wurde und Léa allein gebar, denn erst da, war Léas Vater klar, dass er sich zu jung fühlte für ein Kind. Und so starben auch Brigittes Visionen an eine glorreiche Zukunft. Doch sie ließ sie gerne ziehen, im Tausch gegen das charmanteste, schönste Wesen auf dieser Welt, Léa. 

An Léas zweitem Abend hört sie Geräusche. Aus dem Gebüsch tritt eine junge Frau, sie ist vielleicht sechzehn. Sie kommen ins Gespräch, lernen sich ein wenig kennen. Léa genießt die Anwesenheit von Alice und sie verabreden sich für den nächsten Tag. Doch als Léa die Zutaten für den Pain un chocolat besorgt, den sie versprach zu backen, da war Alice schon tot, ertrunken in der Badewanne ihrer Eltern, das Kind, das sie trug acht Wochen alt.

Fazit: Ich mag die Geschichte sehr. Die Autorin hat mich auf verschiedene Arten bewegt. Anika Landsteiner ist eine spannende Liebesgeschichte gelungen. Ich habe mit den beiden ProatagonistInnen mitgefiebert, wollte unbedingt, dass sie, trotz aller Ängste zusammenkommen. Ich mag auch die Seite des Romans, der auf die Probleme von Frauen hinweist, die alleinige Macht über ihren Körper zu behalten. Es geht um den Umgang mit Abtreibung und den gesellschaftlichen Druck. Und es geht um Frauen, die ihre Karriere zugunsten ihrer Kinder an den Nagel hängen, was so selbstverständlich zu sein scheint. Ebenso um Frauen, die nach der Geburt von den Vätern ihrer Kinder verlassen werden. Und um Frauen, die Frauen lieben. Insofern ist es ein feministisches Buch, interessant zu lesen, durch einen intelligenten, attraktiven, feinsinnigen jungen Mann, der Léa begleitet und gefährlich nah kommt. Was kann man noch wollen, von einem perfekten Buch.

Ich war selbst an der Cote d´Azur, in Nizza, Monaco, Cannes und St. Tropés, während ich in der kleinen mitteralterlichen Stadt Éze gewohnt habe. Deshalb hat mich die Stimmung des Buches so gut abgeholt, der Duft der Orangen, des weichen warmen Brotes. Das weiche Wasser, das die Haut umschmeichelt. Es ist auch ein sinnliches Buch, weil die Autorin die richtigen Worte findet diese Eindrücke wiederzugeben. Absolute Leseempfehlung.

Die Autorin: Anika Landsteiner, Jahrgang 1987, arbeitet als Autorin und Journalistin. Ihr Fokus liegt dabei auf gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, Tabuthemen, Feminismus und Popkultur. Im Podcast »Hello, lovers!« spricht sie mit der Paartherapeutin Dr. Sharon Brehm darüber, wie gleichberechtigte Liebe funktionieren kann. In ihrem letzten Roman »So wie du mich kennst« ging es um Trauerbewältigung und häusliche Gewalt, in diesem Roman widmet sie sich dem Thema der weiblichen Selbstbestimmung. Die Spiegel-Bestseller-Autorin lebt in München.

 

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