Rezensionen Die Autistinnen

Die Autistinnen von Clara Törnvall

Autorin: Clara Törnvall, Genre: Sachbuch, Essay, Verlag: Hanser Berlin, ISBN: 978-3-446-27960-5, 1. deutschsprachige Auflage 2024, 237 Seiten Preis Hardcover €24,00

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz

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Clara Törnvalls Essay über Autismus bei Frauen ist ein eindringliches, persönliches Buch über die Gefahr von Fehldiagnosen bei Frauen in Medizin und Psychiatrie.
„Ich habe Probleme mit Blickkontakt. Ich kann weder Mimik deuten noch zwischen den Zeilen lesen. Da ist eine permanente Angst und lähmende Müdigkeit.“ Clara Törnvall wusste schon immer, dass etwas mit ihr nicht stimmt, doch erst mit 42 Jahren erhält sie die Diagnose. Sie ist Autistin? Sind das nicht eher sozial inkompatible Männer mit Inselbegabung? In „Die Autistinnen“ erkundet sie, warum es insbesondere bei Frauen oft zu Fehldiagnosen kommt und wer wirklich hinter der mythisch aufgeladenen Figur der Autistin steht. Dabei stößt sie unverhofft auf eigene Idole wie Beatrix Potter, Greta Thunberg und Virginia Woolf. Ein eindringlicher, überraschender und persönlicher Text, der unsere Auffassung von Normalität infrage stellt. (Klappentext)

Die Autorin beginnt ihren Essay mit einem kurzen persönlichen Blick auf ihren eigenen Autismus. Ich erfahre, dass ihr Sätze im Kopf hängen bleiben und sich wiederholen. Sie bewegt sich unsicher in der Welt, weil ihr nicht klar ist, welche Erwartungen ihre Umwelt an sie richtet. Ihre empfundene Unzulänglichkeit, lässt sie permanent angespannt sein. Sie ist von einer tiefen Trauer erfüllt, die sie nicht greifen kann. Nachts wird sie von Alpträumen heimgesucht.. Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr befindet sie sich in Therapie. Jetzt als sie uns an ihrem „Sosein“ teilhaben lässt, ist sie gerade aus der Psychiatrie entlassen worden und bei einem  kompetenten Neurologen, der sie erstmalig, mit Erfolg, auf eine Autismus – Spektrum – Störung testet.

Die Autorin begibt sich mit ihrem hochfunktionalen Autismus in die Öffentlichkeit, weil sie glaubt, dass diese Beeinträchtigung gerade bei jungen Mädchen und Frauen zu selten diagnostiziert wird. Introvertierte anpassungsfähige Mädchen werden als normal erachtet und fallen aus dem Raster, weil sie keine Probleme machen. 

Eine autistische Frau, die eine Doktorarbeit in theoretischer Philosophie schreiben kann, aber immer wieder neu überlegen muss, wie man eigentlich eine Scheibe Brot abschneidet, ist dagagen eine seltene Figur im kollektiven Bewusstsein. S. 19

Die Autorin zeigt welche sieben Kriterien erfüllt sein müssen, damit man von einer autistischen Spektrumstörung sprechen kann. Sie hat tief in der Geschichte berühmter Frauen recherchiert, die von ihrem Umfeld als eigenbrötlerisch, unsozial, menschenfeindlich und zurückgezogen beschrieben wurden, die, so vermutet die Autorin, einfach nur neurodivers waren.

Fazit: Das war jetzt gar nicht meins. Die melancholische Stimmung, die sich durch das gesamte Buch zog, hat es mir nicht leicht gemacht bis zum Ende zu lesen. Diese Melancholie ist mir bei skandinavischen Schriftstellerinnen schon häufiger begegnet. Die Mutmaßungen über autistische Künstlerinnen waren mir zu abstrakt. Es entspricht nicht meiner Erfahrung, dass Neurodiversität noch immer stiefmütterlich behandelt würde. Wenn ich das Internet öffne begenen mir viele Seitenhinweise zum Thema, darunter auch einige Selbsttests, die erste Hinweise auf die Möglichkeit einer Neurodiversität geben. Das einzige was ich dem Buch und der Intention der Autorin Zugute halten mag ist, dass es in der belletristischen Literatur (nahezu) keine Geschichten über neurodiverse Frauen gibt. 

Die Autorin: Clara Törnvall, geboren 1976 in Stockholm, ist Kulturjournalistin und Produzentin. Im Alter von 42 Jahren wird ihr hochfunktionaler Autismus diagnostiziert. Diese für eine erwachsene Frau ungewöhnliche und seltene Diagnose veranlasste sie dazu, Die Autistinnen, ihr erstes Buch, zu schreiben. Es erscheint in zwölf Sprachen.

 

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