Frauen in der Gesellschaft 2024-26

Unberechenbar von Dana Spiotta

Sam hat ein Faible für alte naturbelassene Häuser, die ihre Geschichten erzählen, deshalb fährt sie manchmal Umwege und streunert um ein schönes Objekt herum. Und dann folgt sie einem Inserat und macht einen Besichtigungstermin. Das Innenleben des Hauses ist heruntergekommen, aber Sams Auge für Details, erkennt sofort, dass es ein Schatzkästchen ist. Ohne lange zu überlegen, unterschreibt sie den Kaufvertrag und weiß, dass sie ihren Mann verlassen muss. weiterlesen

Mein Mann von Maud Ventura

Seit dreizehn Jahren liebt sie ihren Mann über alles und ist voller Angst, ihn zu verlieren. Sie leidet unter ihrer vollkommenen Liebe, darunter zurück geliebt werden zu müssen, unter der Erwartung, dass er ihre riesige Leere füllt. weiterlesen

Alle ausser dir von Maria Pourchet

Marie lebt in Paris. Ihr Elternhaus in den Vogesen hat sie längst hinter sich gelassen, ihr Studium abgeschlossen und ihren Doktor gemacht. Sie ist fünfunddreißig, hat gerade entbunden und sich entschlossen, die kleine Adèle allein großzuziehen. Die Erste, die Marie nach der Geburt anruft, ist ihre Mutter. weiterlesen

Protokoll einer Annäherung von Anne Korth

Zuvor die Bibliothek mit der Empore, alte Steintreppen hinauf, das Bild mit den Frauen, die eine im goldfarbenem seidenem Rock geht vorbei. Eine andere im roten Kleid beugt sich über den Brunnen, hält den Stiel einer Blume hinein, vorsichtig. Dann ein Fremder, den sie zuvor auf der Empore gesehen hat, mit dem sie keine Blicke tauscht, weil sie zu Boden schaut. weiterlesen

Verdammt wütend von Linn Strømsborg

Britt ist dreiundvierzig, Mutter der achtjährigen Elise und Ehefrau. Ihre eigene Mutter ging, als sie zwölf war, verschwand einfach während sie in der Schule saß und hinterließ in Britt eine große Menge Wut. Die Mutter war oft traurig, rauchte dann Kette und sah aus dem Fenster. In den Anfangsjahren ihrer Eltern hörte Britt die beiden noch oft miteinander lachen, doch dann schlich sich Resignation ins Haus. weiterlesen

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen von Anna Brüggemann

1998 ist Regina einundfünfzig. Sie hat für ihre Töchter alle Träume aufgegeben, hat auf eine akademische Laufbahn verzichtet. Es grämt sie nachhaltig, dass ihre Eltern ihr, trotz der Intelligenz nach dem Abitur keine Unterstützung haben zukommen lassen. Nachdem sie als junge Frau herbe Rückschläge und Enttäuschungen mit Männern hinnehmen musste heiratete sie Edgar, seiner Ruhe, Zuverlässigkeit und Langweiligkeit wegen. weiterlesen

Im Prinzip ist alles okay von Yasmin Polat

Miryam ist dreißig und gerade Mutter geworden. Bei der Selbstliebe-Hochzeit einer guten Bekannten taucht sie mit Freund Robert, ihrer Tochter und einer Schüssel Buchweizensalat auf. Ihr T-Shirt trägt sie über dem Rock um den offenen Reißverschluss zu verdecken. Sie hat ihre alte Figur noch nicht zurück und kaschieren ist das Mittel der Wahl. weiterlesen

Sprich mit mir von Lidia Ravera

Sie hat sich arrangiert, lebt in ihrer Wohnung am Tiber. Morgens ein kleiner Spaziergang, gegen Mittag dann ein Konzert einer ihrer geliebten Klassiker auf dem Sofa. Gegen Abend eine karge Mahlzeit und dann Sartre, Tolstoi oder Hemingway zu einem gekühlten Weißwein. Seit sie ihre Strafe abgesessen hat, hat sie sich in sich selbst eingeschlossen. weiterlesen

Die Resonanzen von Helga Flatland

Mathilde ist besessen von Jakob. Sie ist Vertretungslehrerin und er ihr Schüler. Er hatte sie herausgefordert, sie zu Hause besucht, in eine Ecke gedrängt, bis sie sich nicht länger entziehen konnte, denkt Mathilde. Jakob ist die Vorstellung, dass jemand von ihrer Liaison erfahren könnte, unangenehm. Mathilde ist es egal, denn Jakob ist achtzehn und in ihren Augen ein erwachsener Mann. weiterlesen

Only Margo von Rufi Thorpe

Margo studiert am Junior College. Sie ist neunzehn, als ihr Literaturprofessor Mark sie schwängert. Margo entscheidet sich gegen die von ihrer Mutter und dem Professor propagandierte Abtreibung, weil es sich falsch anfühlt. Ab da ist Mark nicht mehr erreichbar, seine Ehe steht auf dem Spiel. weiterlesen

Dancing Queen von Camila Fabbri

Paulina ist Mitte dreißig, gerade hat sich Felipe von ihr getrennt. Zumindest kommt es ihr so vor. Sie tauschen sich immer noch körperlich aus, nachdem er vom Fußballspiel verschwitzt in ihre Dusche gesprungen ist, aber sie sind auseinandergedriftet. weiterlesen

Wenn wir lächeln von Mascha Unterlehberg

Jara steht auf der Eisenbahnbrücke. Sie ist jetzt allein, weil Anto gesprungen ist. Jara schaut in die Ruhr, sieht aber nur den Baseballschläger, den Anto zuerst ins Wasser geworfen hat. Jara weiß nicht, was sie machen soll. Was, wenn sie den Notdienst völlig umsonst ruft, weil Anto wie immer gleich hinter ihr stehen wird. weiterlesen

Die Tochter von Guadalupe Nettel

Für Laura gibt es nur zwei Gruppen von Freundinnen. Die, die bereit sind, ihre Freiheit aufzugeben. Und die, die bereit sind, in den Augen von Eltern und Gesellschaft in Ungnade zu fallen. Alina gehört zur ersten. Sie sind Mitte dreißig und haben sich klar gegen eigene Kinder entschieden. Laura hat das mit einer Sterilisation untermauert. Der Verlust der Freiheit, die Unmöglichkeit einer Karriere, der Stress, die Stillzeit, die schlaflosen Nächte, das alles schreckt sie ab. weiterlesen

Erdbeeren und Zigarettenqualm von Madeline Docherty

Sie ist achtzehn und hat zum ersten Mal Verlangen zum Ausdruck gebracht, sich auf seinen Schoß gesetzt und ihn schmatzend geküsst. Er ist hübsch, schmal, die blonden Locken fallen ihm in die Augen. Dann liegt er auf ihr und es tut weh, aber nicht genug, um etwas zu sagen. weiterlesen

Sonnenhang von Kathrin Weßling

Katharina klickt sich durch Instagram. Sie hasst diese Wifey-Accounts, die Frauen, die ständig schwanger sind und in ihrem Mutterding aufgehen. Sie hasst es deshalb, weil sie eben auch gern schwanger wäre, aber weit und breit keine Aussicht auf einen liebenden Ehemann besteht, denn die sind alle vergeben. weiterlesen

Zuhause ist das Wetter unzuverlässig von Carolin Würfel

10. Januar

War tanzen, herrliches Jazz-Gejaule. Wut war immer ihr Motor, aber jetzt ist er still. Wut, Traurigkeit und Verzweiflung. Will jetzt raus aus dem Dunkeln auf niemanden mehr achten müssen. Schluss mit Gefallen, abwarten, sich absprechen. Sie will gehen, wann und wohin sie will. weiterlesen

Zwischen zwei Leben von Minna Rytisalo

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten der Gebrüder Grimm auf. Es handelt sich um Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, Gretel, Rapunzel und Rotkäppchen. Sie begleiten sie schon ihr ganzes Leben. Es sind die Stimmen, die das missverstandene Ideal-Ich repräsentieren und eigentlich gibt es sie gar nicht. weiterlesen

Medulla von Verena Güntner

Der Vater hat Kuchen mitgebracht, versucht sie zu überreden, mit ihm heimzukommen, die Mutter wird sich freuen. Als sie ihn aus ihrer Wohnung hinauszitiert hat, klingelt das Telefon. Sie weiß, egal wie oft sie drangehen, sich melden und auflegen wird, wird es wieder klingeln, so als müsste es das letzte Wort haben. weiterlesen

Schwanentage von Zhang Yueran

Während der Hausherr Chopin hört, weckt Yu Ling den Jungen. Gestern stand sie den ganzen Abend in der Küche und hat Leckereien für ihren gemeinsamen Ausflug gezaubert. Ananas- Zuckermelonenstückchen, Erdbeeren und Pfirsiche, Fleisch- und Fischspieße mit verschiedenen Dips, wie es sich für ein Barbecue gehört. weiterlesen

Was ist in meinem Leben sonst noch üblich von Wencke Mühleisen

Ein letztes Abendessen in Triest bei 20 °C im Oktober. Sie lassen den Abend mit gefüllten Paprika ausklingen. Erika und Jan, seit sechsundvierzig Jahren Erika und Jan. weiterlesen

Karacho von Susanne Schirdewahn

„Ich liebe dich nicht mehr.“ Das sind die Worte, mit denen Vau nach zwanzig Jahren Ehe Kiras Träume zerschossen hat. Jetzt muss sie sich entlieben und hat keine Ahnung, wie das geht. Vor drei Wochen sagte er ihr, dass er etwas Neues, etwas anderes braucht. Jetzt ist er Vegetarier. Sie fühlt sich wie eine gelöschte Festplatte, weiß plötzlich nichts mehr. Wie kann man ein halbes Leben mit zwei Kindern einfach auflösen? weiterlesen