Kopflos von Ariana Harwicz
Autorin: Ariana Harwicz, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: C. H. Beck, ISBN: 978-3-406-83694-7, 1. deutschsprachige Auflage 09/2025, 144 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Eine der wichtigsten Autorinnen Argentiniens
Wir denken, wir wären nicht fähig, ein Verbrechen zu begehen, bis wir es tun Stürmisch und jenseits aller Konventionen erzählt Ariana Harwicz von einer Leidenschaft, die sich selbst verzehrt. „kopflos“ ist die Geschichte einer Entführung ein Roman, wie man ihn über Mutterschaft noch nie gelesen hat, sprachlich sensationell, emotional kaum zu fassen. Menschen glauben zu wissen, wozu sie fähig sind. Sie denken, dass sie unter keinen Umständen ihre Eltern umbringen oder einem Kind etwas antun könnten. Sie denken, sie wären nicht fähig, ein Verbrechen zu begehen, bis sie es tun. Ein Supermarkt in Frankreich. Lisa hofft, einen Blick auf ihre fünfjährigen Zwillinge werfen zu können, die mit ihrem Vater einkaufen sind. In einem Sorgerechtsprozess hat sie das Umgangsrecht mit den Söhnen verloren und darf sich dem Haus der Familie nicht mehr nähern. Ihre Kinder sieht sie nur noch einmal im Monat unter Aufsicht. Der Schmerz, das Heranwachsen ihrer Söhne nicht mehr Tag für Tag mitzubekommen, ist so überbordend wie ihre Emotionen. Ihre Pflichtverteidigerin verzweifelt an Lisa, die sich selbst zur größten Gefahr wird, während sie das Leben ihrer eigenen Familie observiert. Doch das Beobachten, das immer mehr zur Obsession wird, reicht irgendwann nicht mehr aus … (Klappentext)
Zweimal ist Lisa ihnen nach dem Urteilsspruch begegnet. Ein zarter Blickkontakt, ein leises Lächeln zwischen den Supermarktregalen. Genau dort lungert sie weiter rum, aber auch in den Herrentoiletten, falls einer von ihnen Pipi machen muss. Sie sieht den Vater, wie er den Einkaufswagen mit Cava, Cocktails und Wein beläd. Artig und diszipliniert helfen sie ihm. Es wird sicher ein rauschendes Fest mit vielen Leuten und anderen Kindern.
Ihre Sozialwohnung ist zu schmal und heruntergekommen, um ihre Zwillinge zu empfangen. Die Treffen finden auf neutralem Boden unter Aufsicht einer Sozialarbeiterin statt. Während sie eineinhalb Stunden gezwungen mit ihren Jungs am Tisch sitzt, steht ihr Vater da und bläst Rauchwolken in die Luft. Es dauerte, bis sie eine Pflichtverteidigerin gefunden hat. Eine prüde Mittfünfzigerin, die ihr einen Dresscode verordnet: Weder Leder noch Animal Prints, keine tiefen Ausschnitte und Duschen wäre auch hilfreich, zumindest an den Besuchstagen. Und so sitzt sie einmal im Monat gleich nach dem Aufstehen am Loireufer herum, wartet, dass die Zeiger auf 15 Uhr 30 stehen und geht dann ins Zentrum. Die Tage des Wartens auf den monatlichen Besuch vertreibt sie sich mit nächtlichen Anrufen. Es gibt ihr ein gutes Gefühl, wenn er abnimmt und sie auflegt. Nicht zu wissen, wie sehr ihre Babys sie vermissen, macht sie verrückt. Obwohl sie die imaginäre Linie von zehn Kilometern rund ums Haus nicht überschreiten darf, schleicht sie bei Dunkelheit durch die Büsche und wirft einen Blick in die erleuchteten Fenster ihrer Söhne. Als jedoch der Schmerz sie aufzufressen droht, handelt kopflos.
Fazit: Du meine Güte, was war das denn? Ariana Harwicz, eine der wichtigsten Stimmen Argentiniens, hat die Leidensgeschichte zweier zerstörerischer Menschen kreiert. Die Erzählung beginnt mit der Protagonistin, Mutter von fünfjährigen Zwillingen. Ich erfahre, dass ihr wegen häuslicher Gewalt gegen ihren Mann, das Sorgerecht entzogen wurde. Lisa gammelt vor sich hin, lebt von Besuchstermin zu Besuchstermin, dazwischen verzehrt sie sich in der Obsession, ihre Kinder bei sich haben zu wollen. In kurzen Rückblicken, in Form ihrer Erinnerungen, erfahre ich das ganze Drama ihres Beziehungsgeflechts. Aus ihrer Sicht hat ihr Mann Gewalt gegen sie angewendet, die Tatsachen verdreht und mit Zeugen belegt, um das richterliche Urteil zu seinen Gunsten zu lenken. Die Persönlichkeit Lisas ist verblüffend unkonventionell gezeichnet. Sie wirkt wie eine toughe Frau, die sich wehrt, ein wenig verschlagen und berechnend und vor allem erstaunlich empathielos. Und genau dieser kluge Schachzug der Autorin macht Lisas Sichtweise unglaubwürdig. Im weiteren Verlauf der Geschichte, übrigens ein völlig irrer Trip, wird klar, dass es beiden toxischen Menschen gar nicht um die Kinder geht, sondern ums Gewinnen. Die Kinder sind Mittel zum Zweck, um beider verletztes Ego zu streicheln. Einzelne Szenen haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Entsetzlich mit anzusehen, wie dieser Machtkampf auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Schauderhaft eine Szene, in der Lisa in einer Bar landet. Die ganze Geschichte ist so verwirrend, dass ich mich verzweifelt auf die Metaebene gehangelt habe. Am Ende bin ich mir sicher, dass Lisa eine typische Borderline-Persönlichkeit ist, die weder eigene Grenzen noch die anderer akzeptiert und ihr Mann eine typische narzisstische Persönlichkeit mit Missbrauchserfahrungen durch die Mutter. Zwei zutiefst verstörte Seelen, die in dieser Kombination öfter anzutreffen sind. Und genauso verstörend kann dieser Horrortrip auf Lerser*innen wirken. Eine durch und durch toxische Beziehung, die wehtut, in einem Ausmaß, wie ich noch nie darüber gelesen habe.
Die Autorin: Ariana Harwicz, geboren 1977 in Buenos Aires, ist eine der wichtigsten Autorinnen Argentiniens. Seit 2007 lebt sie auf dem Land in Frankreich. Ihr Roman „Die, My Love“ machte sie international bekannt. Er war Roman des Jahres der argentinischen Zeitung La Nación und nominiert für den Man Booker International Prize. Ariana Harwiczs Romane wurden in mehr als 25 Sprachen übersetzt. 2025 feierte in Cannes die Verfilmung von „Die, My Love“ Premiere, produziert von Martin Scorsese unter der Regie von Lynne Ramsay. Silke Kleemann Diplom-Übersetzerin, studierte Spanisch und Englisch und übersetzt lateinamerikanische Literatur. Ihre Arbeit als Übersetzerin wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. ihre Übersetzungen von Ariel Magnus und Katixa Agirre. Silke Kleemann lebt und arbeitet in München.