Fischtage von Charlotte Brandi
Autorin: Charlotte Brandi, Genre: Coming -of- Age, Verlag: parx x ullstein, ISBN: 978-3-98816-026-3, 1. Auflage 2025, 300 Seiten, Preis Hardcover €23,00
Debütroman
WENN DU NIEMANDEM MEHR VERTRAUST, KANNST DU AUCH EINEM SPRECHENDEN FISCH FOLGEN
Die sechzehnjährige Ella lebt in Dortmund und hat beschlossen, keine Freundschaften mehr zu führen. Zu groß ist die Angst, dass sie andere Menschen durch ihre Wutanfälle vergrault. Die Ehe ihrer Eltern ist am Boden, und auch zu ihren zwei Geschwistern findet Ella keinen Zugang. Ihr einziger Vertrauter war stets der alte Eckard, der nun jedoch in die Demenz abgleitet und Ella bittet, sich um seinen singenden Plastikfisch zu kümmern. Als ihr jüngerer Bruder Luis verschwindet, macht sich Ella mit dem Fisch auf die Suche und begibt sich in große Gefahr – ausgestattet mit einer Aldi-Tüte, zu viel Mut und zu wenig Angst.
‚So viel Wut und Zartheit in einem Roman, der von der ersten Seite an berührt und einen bis zum Ende nicht loslässt.‘ Jan Weiler ‚Charlotte Brandi macht die deutsche Literatur endlich wieder bockig.‘ Ilona Hartmann ‚Dass Charlottes Talent, sich in den unterschiedlichsten Lebenswelten zu bewegen, endlich zu einem Roman geworden ist, ist eine glückliche Fügung für uns alle.‘ Danger Dan (Klappentext)
Seit Ella dreizehn ist, hat sie diese Wutanfälle. Es überkommt sie zügig. Ein falsches Wort an der richtigen Stelle, ein so tun als ob, ein Versprechen, das nicht gehalten wird, verbrennt ihr die Magenwände, dann die Speiseröhre und kriecht ihr die Wirbelsäule hoch, bis ihr der Kopf platzt. Sie hat damit schon viele Freunde vergrault, deswegen lässt sie das mit der Nähe und dem Vertrauen jetzt.
Mit dreizehn hat Mama mich noch jedes Mal festgehalten, mit vierzehn hat sie versucht, mit mir darüber zu reden, mit fünfzehn hat sie mich aufgegeben. S. 11
Der Einzige, dem sie alles erzählen konnte, der wirklich zugehört hat, ist der olle Eckard, aber der driftet jetzt zielstrebig in die Vergesslichkeit und immer öfter erkennt er sie nicht mehr. Normalerweise hilft Rennen, das verhindert, dass sie den Menschen Ziegelsteine ins Gesicht wirft. Allerdings ist sie besoffen von einem Karussell geflogen und hat sich mehrmals das linke Bein gebrochen. Deswegen brüllt sie einfach, wenn es sie überkommt, aber danach hasst sie sich dafür.
Die Eltern haben sie in Therapie geschickt, seitdem kann sie dienstags und donnerstags nachmittags nicht mehr mit Kotsche abhängen. Jeden Mittwoch besucht sie den coolen ollen Eckard. Der Vater ihres Vaters ist früh gestorben und der Vater ihrer Mutter ist ein Vollzeitarschloch, das in Düsseldorf-Oberkassel sitzt und sich einen Scheiß für sie interessiert. Ihre Eltern sind zwei f****** Junkies aus der Kunstszene, die knallen Acid, Pilze, Koks, Gras und MDMA. Und jetzt ist ihr jüngerer Bruder spurlos verschwunden.
Fazit: Charlotte Brandi hat in ihrem Debüt eine temporeiche Coming -of- Age Story geschaffen und ich muss sagen Story“Telling“ kann sie absolut. Ihre sechzehnjährige Protagonistin wächst mit ihren zwei Geschwistern in einem Elternhaus auf, in dem es ihr an nichts fehlt, außer an echter Zuneigung und Wertschätzung. Von ihrer hormonellen Explosionsfähigkeit abgesehen, lebt sie in einer Familie, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Die Eltern, je nach Stand der Dröhnung, die sie intus haben, sind auf Kante genäht und entsprechend reizbar. Der Bruder, dem sie sich noch am nächsten fühlt, ist plötzlich augenscheinlich abgehauen und die weitere Entwicklung der Geschichte lässt das Schlimmste befürchten vor den Kulissen des Dortmunder Underground. Die Stimmfarbe ist bockig, explosiv, stinksauer und so mutig. Ich liebe diese neuen Geschichten, in denen Mädchen oder junge Frauen so authentisch dargestellt werden wie sie sind und nicht wie die vernünftigen Püppchen der letzten vierzig Jahre. Die Autorin hat mich mitgenommen auf einen Trip mit einer starken Heldin, die ich gerne in echt kennengelernt hätte. Das war geil.
Die Autorin: Charlotte Brandi wurde 1985 in Herdecke geboren und wuchs in Dortmund auf. Ihre Eltern sind der Schauspieler und Musiker Peter Freiberg und die Musikerin Klara Brandi. Charlotte Brandi arbeitete zunächst vor allem als Theatermusikerin und wurde der breiten Öffentlichkeit als Teil des Duos Me & my Drummer bekannt, das sich 2018 auflöste. Seitdem macht sie mit ihren Soloplatten Furore und ist Teil der Supergroup Die Benjamins, zu der neben Annette Benjamin auch Drangsal gehört.