Maifliegenzeit von Matthias Jügler
»Feinfühlig und zugleich kraftvoll erzählt Matthias Jügler in diesem spannenden Roman davon, dass die Vergangenheit nie vorbei ist.« Julia Schoch
Für Katrin und Hans wird der Alptraum aller Eltern wahr: Nach der Geburt verlieren sie noch im Krankenhaus unweit von Leipzig ihr erstes Kind – und kurz darauf auch sich als Paar. Denn Katrin quälen Zweifel an der Darstellung der Ärzte, Zweifel, von denen Hans nichts wissen will. Als Katrin Jahre später stirbt, wird klar, dass sie mit ihren Befürchtungen womöglich Recht hatte. Bei seinen Recherchen, die ihn tief in die Geschichte der DDR führen, stößt Hans auf Ungereimtheiten und eine Mauer des Schweigens. Klären kann er all seine Fragen in Zusammenhang mit dem Tod des Säuglings nicht, doch der Gedanke daran, in einem entscheidenden Moment seines Lebens versagt, etwas versäumt, einen Fehler begangen zu haben, lässt ihn künftig nicht mehr los. Da klingelt eines Tages das Telefon und sein Sohn ist am Apparat. Aufgewachsen in einer Adoptivfamilie, unterscheidet sich seine Vorstellung von der Vergangenheit grundlegend von dem, was Hans ihm erzählt. Wird sich die Kluft, die das Leben in einem Unrechtsstaat und vierzig fehlende gemeinsame Jahre gerissen haben, wieder schließen lassen?Matthias Jügler zeichnet das bewegende Porträt eines traumatischen Verlustes, erzählt von folgenschweren Zweifeln, von der Kraft des Neubeginns und dem heilsamen Erleben der Natur. Ein feinsinniger Familienroman über ein dunkles Kapitel ostdeutscher Geschichte. (Klappentext)
Katrin und Hans haben ihren Sohn, wenige Tage nach seiner Geburt, verloren. Jetzt liegt Katrin in ihrem Bett und weint. Die Suppe, die Hans ihr brachte, hat sie nicht angerührt, den Tee nicht getrunken. Er weiß, dass er mit Katrin reden muss, ihr Trost schenken, sie festhalten, aber er verlässt das Haus, geht zügig runter zum Fluss.
Am siebten Mai 1978 begräbt Hans seinen Sohn. Der Feuerwehrmann, dessen Aufgabe das eigentlich war, ist in Urlaub. Der Einfall des Sonnenlichts setzt alles ihn Umgebende grell in Szene. Die weißen Blüten des Apfelbaums, die pastelgelbe Kirche, den roten Traktor. Nachdem er auf die Erde eingehackt hat, mit der ganzen Kraft des fünfundzwanzigjährigen, bricht er zusammen und weint.
Der Tod eines Neugeborenen gehört zu den Dingen, die am äußersten Rand unserer Vorstellungskraft liegen. Er widerspricht dem natürlichen Ablauf des Lebens auf so ungeheuerliche Weise, dass mich auch heute noch, der leiseste Gedanke daran aus dem Gleichgewicht bringen kann. S. 22
Katrin wollte nicht wahrhaben, dass unser Sohn verstorben war. Sie hielt Monologe darüber, wie er laut geschrien hatte, als sie ihn von ihr fortbrachten, dass er nicht geklungen habe, wie ein Säugling mit schweren Herzproblemen. Der Arzt, der uns habe die Papiere unterschreiben lassen, habe ihr nicht in die Augen gesehen. Hans kann es nicht mehr hören, er schreit Katrin an, sie solle ihn endlich ruhen lassen und dann schüttelt er sie, wie man ein unwilliges Kind schütteln möchte. Danach ist Katrin weg, sie hat ihn verlassen.
Vierzig Jahre später bringt seine Lebensgefährtin Anna ihm einen Zettel.
Daniel hat angerufen, sagt sie, mit trockener und brüchiger Stimme. S. 15
Daniel, mein einziges Kind, das seit vierzig Jahren tot ist.
Fazit: Der Autor drückt sich sehr präzise aus. Er weiß genau, was er sagen will und das macht er, nicht mehr, nicht weniger und damit erzielt er die Essenz von Trauer, der Unfähigkeit zu Trösten, des Weglaufens, der Angst vor der eigenen Erschütterung und des Kontrollverlusts, wie sie Männern zuzutrauen ist. Seine Sprache ist eindringlich, durchzogen von Erinnerungen an den eigenen Vater, der als manisch-depressiver Mann, die Flucht nach vorn antrat, um seinen Dämonen zu entkommen. Er saß die meiste Zeit am Fluss, und angelte. Die Geschichte spricht über die Verletzlichkeit durch einen Verlust, der einen ein Leben lang begleitet. Wundervoll verbindend, eine solche Geschichte aus Sicht eines Mannes zu lesen. Und eine gelungene Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel in der Vergangenheit Ostdeutschlands. So war die Geschichte von Karin S. aus Sachsen-Anhalt Grundlage für dieses Buch. Sie sucht noch heute nach ihrem Kind.
Der Autor: Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sowohl für seinen Debütroman ‚Raubfischen‘ (2015) als auch für seinen Roman ‚Die Verlassenen‘ (2021) wurde er mehrfach ausgezeichnet, 2022 erhielt er den Klopstock-Preis für Literatur des Landes Sachsen-Anhalt. 2023 ist Jügler Stadtschreiber von Halle. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.