Das Buch zum Film von Clemens J. Setz
Autor: Clemens J. Setz, Genre: Memoir, Verlag: Jung und Jung, ISBN: 978-3-99027-428-6, 1. Auflage 10/2025, 169 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Vielfach ausgezeichneter Autor
Clemens J. Setz ist ohne jeden Zweifel einer der wichtigsten Autoren, die wir gegenwärtig haben – und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass das schon so war, bevor er sein erstes Buch veröffentlicht hat. Wer seine Aufzeichnungen liest, befindet sich schnell im selben Kopf, im selben Kosmos, zu dem man sonst nur durch seine Bücher Zugang bekommt. Diese Aufzeichnungen umspannen ein Jahrzehnt, in dem aus dem Schüler ein unterforderter Student, ein überforderter Zivildiener in einem Behindertenwohnheim und endlich ein gefeierter Schriftsteller wird. Mit Staunen bewegt man sich beim Lesen durch eine Welt wundersamer Erscheinungen und exquisiter Fundstücke, begleitet von luziden Beobachtungen und verblüffenden Gedanken. Und ist am Ende nicht nur reicher an Ideen und Einsichten, sondern empfänglicher, berührbarer für die zufälligen Schönheiten der Welt, aber auch für die Abgründe des Alltags. (Klappentext)
Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.
Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.
In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm weiterexistieren dürfen. S. 7
Und so zeichnete er sein gesamtes Erleben auf, in E-Mails, Notizbüchern, Ringmappen. Seinen Zivildienst leistete er im Landeskrankenhaus. Er durchlief verschiedene Einrichtungen, in denen ihm ganz unterschiedliche Menschen begegneten.
Ein blinder Junge aus der Musik-Frühförderklasse mastrubierte unaufhörlich. Jeder Versuch, ihn davon abzubringen, scheiterte. Während er sich abmühte, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Die meisten nicht sprechenden Bewohner knirschen mit den Zähnen. Reiben ihre Zähne aufeinander gegen die Sprachlosigkeit. Ein Kind warf mit seiner Scheiße, wenn es aufgeregt war und Clemens beschleunigte seine Reaktionen. Als eines der Kinder starb, bat er um die Versetzung auf eine andere Station.
Ein spät erblindeter Bewohner, schon alt, seit kurzem im Heim, hat sich nachts aus dem Fenster gestürzt und ist verstorben. Alle sind schockiert.
Im Altenheim blickt man von den Flurfenstern aus auf den Friedhof.
Clemens Vater war wieder verschwunden. Er hat wohl ein finsteres Geheimnis und musste untertauchen. Wen interessiert sein scheiß Geheimnis. Die Mutter interessierts.
Clemens lungert oft ums Berufsschulinternat, um J. zu treffen. Sie war in der Pause nicht zu sehen. Er erfährt, dass sie geschlossen untergebracht wurde. Pulsadern. Sein Vater verbietet ihm, J. nochmal in die Wohnung zu lassen. „Dass du dich zu solche Leut überhaupt in die Nähe traust!“
Die schwerbehinderte Camilla ist gestorben. Keiner weiß, warum.
Der Vater brüllt besoffen: „Menschen gibts kane. Niemand existiert mehr! Ihr aa nit!“ Der Sohn nimmt Beruhigungsmittel.
Fazit: Clemens J. Setz, vielfach ausgezeichneter österreichischer Autor hat seine persönlichen Aufzeichnungen aus den Jahren 2000-2010 veröffentlicht. Anhand diverser Notizen gelang ihm die Rekonstruktion seiner schriftstellerischen Anfänge. Mit achtzehn Jahren begann er seinen Zivildienst und sammelte eindrucksvolle Erfahrungen im Umgang mit körperlich und geistig behinderten Menschen. Die Trinksucht seines Vaters setzte ihm zu. Während seines Studiums erschwerte die Beziehung zu einer psychisch kranken, suizidalen Lebensgefährtin seinen Alltag. In rudimentären, teils unzusammenhängenden Einträgen puzzelt der Autor ein Jahrzehnt seines Erlebens zusammen. Ich muss gestehen, dass dieses Memoir meine erste Erfahrung mit Clemens J. Setz ist und würde einem Leser, der sich dem Autor annähern möchte, sicher ein anderes Buch empfehlen. Und da gibt es einige zum Beispiel „Monde vor der Landung“ (Österreichischer Buchpreis 2023) Für alle, die den Autor bereits kennengelernt haben, dürften seine Anfänge erhellende Hintergrundinformationen bereithalten.
Der Autor: Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik sowie Germanistik studierte und heute als Übersetzer und freier Schriftsteller lebt. 2011 wurde er für seinen Erzählband »Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes« mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman »Indigo« stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 ausgezeichnet. 2014 erschien sein erster Gedichtband »Die Vogelstraußtrompete«. Für seinen Roman »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015. Mit »Vereinte Nationen« war Setz 2017 und mit »Die Abweichungen« 2019 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Sein neues Buch »Die Bienen und das Unsichtbare« erscheint im Oktober 2020.