Rezensionen Koller

Koller von Annika Büsing

Autorin: Annika Büsing, Genre: Road Trip, Verlag: Steidl, ISBN: 978-3-96999-196-1, 2. Auflage 2023, 174 Seiten, Preis Hardcover €20,00

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Koller ist nicht nur ein Name, sondern auch ein Zustand. Und der wird fast zum Dauerzustand, als Chris und Koller aufeinanderprallen: Koller will immer mit dem Kopf durch die Wand und denkt sowieso, alles sei ganz einfach. Chris denkt zu viel nach und spricht zu wenig aus. Chris weiß noch nicht einmal, wie Koller mit richtigem Namen heißt, da sitzen sie schon nebeneinander in einem klapprigen Polo II und fahren los. Was ein Kurztrip an die Ostsee werden soll, wächst sich zu einem Roadtrip aus, der sich gewaschen hat: über Ludwigsburg, das überflutete Ahrtal, das sagenumwobene Hannahhausen, den Acker eines blutrünstigen Treckerfahrers – bis die beiden schließlich das Kaff am Meer erreichen, das Kollers Refugium ist, und wo das Vorhaben, einen Fischteich neu anzulegen, gleichermaßen Scheitern und Erlösung verspricht.
Koller ist keine Liebesgeschichte, aber eine Geschichte über Liebe. Über die Suche nach Zugehörigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung. Rasant und mit entwaffnender Direktheit erzählt Annika Büsing von Menschen, die herausfinden müssen, was sie wirklich vom Leben wollen und warum sie den Erwartungen anderer entkommen müssen, um es zu erreichen. (Klappentext)

Der Ich-Erzähler Chris trifft Koller, kurz nachdem Chris die Iranerin Daria heiraten wollte, die von ihrem Mann verstoßen wurde, weil sie keine Kinder kriegt. Aber dann beschleicht ihn doch ein komisches Gefühl. Er lässt den Hochzeitsanzug im Hotelzimmer liegen und steigt in Kollers Polo II, weil der ihm versprochen hat, mit ihm ans Meer zu fahren. Nun muss sie sich ihre Aufenthaltsgenehmigung eben auf legale Weise besorgen. 

Chris ist dermaßen angetan von Kollers blond gelockter Schönheit und seiner ungezwungenen Art, dass er ihn verhohlen anhimmelt. Koller sagt ihm, dass er mutiger werden muss und eigentlich weiß er das auch, aber seine Spießigkeit steht ihm im Weg. Er hat es gern ordentlich und vorhersehbar. Chris hat nichts am essen, wenn er isst, dann wegen der Notwendigkeit. Dass es ihm an Empathie mangelt, kann eigentlich nur an seiner Mutter liegen, denn sie hat davon noch weniger als er. 

Koller dagegen war das Goldkind, in ihn habe seine Eltern alle Hoffnungen gesetzt, deswegen hat Koller auch Medizin studiert. Er hat das mit der Verantwortung aber auch einfach drauf, weil er sich schon als Junge, um seine behinderte Schwester Birte gekümmert hat. 

Birte lebt jetzt in einem Heim in Ludwigsburg und weil Koller sie schon länger nicht mehr besucht hat, empfiehlt Chris, auf ihrem Weg nach Klütz, einen kleinen Abstecher zu Birte zu machen. Die Nacht im Polo vergeht schnell, denn sie haben sich viel zu sagen:

Ich schwieg. Im Dunkeln nahmst du meine Hand. Und dann sagtest du den Satz, der sich in mein Herz eingebrannt hat, wie ein Brandzeichen, in den Arsch eines Zuchtbullen: „Wenn du isst, behauptest du deinen Platz in der Welt.“ S.62

Fazit: Annika Büsing lesen ist, so vertraut, wie nach Hause kommen. Ihre Schreibweise ist so ehrlich, wie das richtige Leben. Sie hat mit Koller und Chris wieder zwei Charaktere geschaffen, die, in ihrem sich selbst im Weg stehen, so authentisch und sympathisch sind, dass ich sie gerne kennenlernen würde. Annika Büsings Sinn für Humor und Situationskomik, trifft exakt meinen. Ich liebe ihre Geschichten. Auch arg empfehlenswert „Nordstadt“

Die Autorin: Annika Büsing, geboren 1981, lebt in Bochum, wo sie an einem Gymnasium unterrichtet. Sie hat evangelische Theologie und Germanistik in Dortmund studiert und einige Zeit auf Island und in Hamburg verbracht. Für Nordstadt (2022), ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet und war für den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals sowie den Bayerischen Buchpreis nominiert.

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