Psychologische Fiktion 2025-26

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen von Milca Vuckovic

Die Mutter hat wegen Eva die Uni nicht geschafft und muss jetzt jeden Tag hinter dem Obst- und Gemüsestand stehen. Sie hasst dieses langweilige Kaff Zeleznik und neigt insgesamt zu Unzufriedenheit. Der Vater hatte es geschafft. Zwar war er arbeitslos, bis die kleine Eva zwei war, aber dann fand er eine Anstellung als Turnlehrer in dem langweiligen Kaff. weiterlesen

Mädchentier von Cecilie Lind

Das Mädchen spielt draußen im Schnee, steht dann da, sieht verfroren aus. Sie rufen sie herein. Die Eltern streiten wegen der Soße, weint sie. Sie hören Schreie aus dem Nachbarhaus. Sie darf die Tannenspitze an den Baum bringen und dann schenken sie ihr noch ein kleines Paket. Sie packt einen Ring aus, strahlt wie die Sterne am Himmel und geht wieder rüber zu den Eltern. weiterlesen

Blaues Wunder von Anne Freytag

Walter Bornsteins Boot ist 72,8 Meter lang. Es hat eine Mastersuite und vier Gästesuiten, jede davon ausgestattet mit einem Jacuzzi auf einer Sonnenterrasse. Außerdem gibt es einen Pool, einen Fitnessraum, ein Kino und zwei Hubschrauberlandeplätze. Walter, seine Gäste, seine Frau und sein Sohn sind mit dem Helikopter angereist. Sie werden es sich eine Woche lang in den Philippinen gut gehen lassen. weiterlesen

Die Klassenkameradin von Martina Berscheid

Die vierzigjährige Eva ist desillusioniert. Ihre Tochter Charly ist längst aus dem Haus und meldet sich alle Jubeljahre. Evas Mann Alexander lebt für seinen Dorfladen, in dem die überreifen Frauen ihm für den Erwerb von zwei Geburtstagskarten schöne Augen machen. Eva selbst arbeitet bei der siebzigjährigen Gerda, Wirtin der abgeranzten Dorfkneipe „Die alte Buche“. weiterlesen

Der Schlaf der anderen von Tamar Noort

Janis Gast ist spät dran. Normalerweise kommen ihre nächtlichen Besucher zu früh und sitzen im Pyjama auf ihrem Bett, während sie den Raum betritt, um sie zu verkabeln. Janis hat schon seit zwanzig Jahren keinen normalen Schlafrhythmus mehr. Zuerst leistete sie Schichtdienst auf der Station und seit zwei Jahren den Nachtdienst im Schlaflabor. Sie lebt allein und hat sich mit sich arrangiert. weiterlesen

Es gibt kein Zurück von Ulf Erdmann Ziegler

Aldus Wieland Mumme von manchen Willi genannt, hadert mit seinem Namen, seit er denken kann, deswegen nennt er sich einfach A. W. Mumme. Er arbeitet als Freiberufler für das Bundesradio und liest seine eigenen Essays über skandalöse oder problematische Themen. Nach dreißig Jahren beim Sender weiß er alles über Rhetorik, Betonung und Stimme. weiterlesen

Schattengrünes Tal von Kristina Hauff

Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. Die Gäste stolpern übereinander, ein Schmerzenslaut wird ausgestoßen. Draußen hat jemand den Stecker des Generators gezogen. weiterlesen

 

Botanik des Wahnsinns von Leon Engler

Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie hatte die Kisten selbst gepackt. Die Räumungsfirma sollte den Müll entsorgen und die Kisten mit den Familienfotos, Zeugnissen und Bewerbungsunterlagen einlagern. Irgendjemand hatte etwas verwechselt und jetzt waren alle materiellen Erinnerungen dem Fraß der Müllverbrennungsanlage geopfert worden. weiterlesen

Die Probe von Katie Kitamura

Er hatte sie in ein Restaurant eingeladen. Als sie davorstand und ihn durch die Fensterscheibe beobachtete, wollte sie schon einen Rückzieher machen. Er war jung, saß an einem Tisch zwischen Küche und Toilette gefangen, um ihn herum hektisches Treiben. Sie trat ein und ging auf den Empfangskellner zu. Sie wurde zu seinem Tisch geführt. Er stand auf, lächelte charmant und charismatisch. weiterlesen

Schöne Scham von Bianca Nawrath

Christian streicht Amalia eine Strähne hinters Ohr. Er ist gut drauf. Kata fragt sich laut, wann Lenny das letzte Mal so aufmerksam zu ihr war. Christian geht Katas Kompliment runter wie Erdnussbutter. Kata will Lenny herausfordern, der den Kopf an die Scheibe gelehnt hat und döst. Sie könne sich wirklich nicht erinnern, wann Lenny zuletzt ihren Nacken liebkost habe. „Seit du dich über meine rauen Hände beschwert hast“, brummt Lenny. weiterlesen

Noch fünf Tage von Andrea Fischer Schulthess

Amanda träumte zu Kindergartenzeiten von Spinnen, die über ihre Augäpfel kletterten. Wenn sie verschwitzt erwachte, waren die Spinnen immer noch da, sonst niemand. Anfangs hatte sie versucht, sich zu Mutter ins Bett zu schleichen, wurde aber stets fortgeschickt. weiterlesen

Kopflos von Ariana Harwicz

Zweimal ist Lisa ihnen nach dem Urteilsspruch begegnet. Ein zarter Blickkontakt, ein leises Lächeln zwischen den Supermarktregalen. Genau dort lungert sie weiter rum, aber auch in den Herrentoiletten, falls einer von ihnen Pipi machen muss. Sie sieht den Vater, wie er den Einkaufswagen mit Cava, Cocktails und Wein beläd. Artig und diszipliniert helfen sie ihm. weiterlesen

Der Rache Glanz von Maud Ventura

Cléo steht auf der Bühne und nimmt die vier Awards für ihr drittes Album entgegen. Sie hält ihre tränenreiche Rede, erwähnt das Publikum, ohne dass sie … Schwachsinn, den ganzen Ruhm hat sie allein sich selbst zu verdanken, lobt ihr gesamtes Team, das immer hinter ihr steht, dafür werden sie mehr als angemessen bezahlt und verweist auf einige Namen, die keinem etwas sagen. weiterlesen

Haus zur Sonne von Thomas Melle

Die letzte manische Phase lag noch nicht lange zurück. Er hatte sich hoch verschuldet, Freunde vor den Kopf gestoßen, seine Wohnung getrümmert, seine Beziehung zu Ella über die Maßen belastet und war straffällig geworden. Dieser Schub war der Schlimmste, der ihn je weggeflutet hat und hatte ihm alles genommen, was ihm wichtig war. weiterlesen

Sag mir, was ich bin von Una Mannion

Adelaide kocht für Ruby und Clover. Nach Clovers Schlaganfall muss das Essen püriert werden. Adelaide brummt mit dem Pürierstab wahlweise im Nudelauflauf oder in gebackenen Bohnen mit Ahornsirup und verwandelt alles in eine graue Pampe. Ruby geht zum Hühnerstall, um den Hennen die Gelege wegzunehmen. Sie essen sie nicht, aber Lucas will, dass sie die Eier verquirlt und wieder zufüttert. weiterlesen

Ungefähre Tage von Annika Domainko

Grün hatte ihren Schatten hinter der Milchglastür wahrgenommen, wie sie langsam in sich zusammengesackt war. Er drückte die Türe auf und schob sie ein wenig über den Linoleumboden. Dann kniete er sich neben sie, sprach sie an, klatschte ihr mit der flachen Hand leicht gegen die Wange, sie reagierte nicht. weiterlesen

Von Vieh und Vögeln von Pilar Adón

Zu ihrer letzten Ausstellung war Coro ungeduscht gegangen, ihre Haut noch geziert von ockerfarbenen Farbpigmenten. Ihre Haare hingen in ungefärbten Strähnen an ihr herunter, die Augen blickten um sich, als wäre sie einem Wahn verfallen. Die anderen werden gedacht haben, sie brauche Hilfe. Und obwohl der Schmerz frisch und groß war, sah sie sich nicht in der Rolle der Bedürftigen. weiterlesen

Ultramarin von Ann-Christin Kumm

Nora kam etwas zu spät, legte ihre dünnen Arme um Raf und küsste Lou danach auf die Wange. Sie stiegen ins Auto und Raf drehte den Zündschlüssel. Wo ist Sophie, fragte Nora. Nicht da. Sie rettet Bäume, weil das Klima immer wichtiger ist als man selbst, meinte Raf. Nora verengte die Augen und sah Rafs im Rückspiegel auf sich gerichtet. Noch konnte sie aussteigen, aber sie tat es nicht. weiterlesen

Sicheres Haus von Marina Vujcic

Lada sitzt im Frauengefängnis. Außer ihr hat noch eine andere Insassin einen Menschen getötet. Trunkenheit am Steuer und dann starb eine junge Frau. Lada tötete ihren Mann in Notwehr. Sie war in Not und hat sich gewehrt, aber das hilft ihr nicht weiter. Neun Jahre wird sie hier verbringen. Warum ist sie nicht einfach weggelaufen? Warum hat sie nicht die Polizei gerufen? Warum hat sie nicht schon früher über die angebliche Misshandlung gesprochen? weiterlesen

Das zwölfte Haus von Malin C.M. Rønning

Mollis Haus steht kurz vor dem Fjord. Fünfunddreißig Quadratmeter für sie und ihren Hund. Es ist das zwölfte Haus, in dem sie wohnt, diesmal allein. Sie wird bald dreißig, arbeitet in einem Pflegeheim. Die Tote vor ihr ist erst gestern eingeliefert worden und hörte in der Nacht auf zu atmen. Molli zündet fünf Kerzen an und öffnet das Fenster. weiterlesen

Reizklima von Silke Knäpper

Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm Gischt ins Gesicht spuckt, scheint den Berufssoldaten nicht zu stören. An manchen Tagen sieht Eva ihn in Sportkleidung die Klinik verlassen und zum Strand runterlaufen. weiterlesen