Rezensionen Bevor ich es vergesse

Bevor ich es vergesse von Anne Pauly

Autorin: Anne Pauly, Genre: Erzählende Literatur, Verlag: Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87668-9, 1. deutschsprachige Auflage 2024, 174 Seiten, Preis Hardcover €22,00

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

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Das Lieblingsbuch des französischen Buchhandels – ausgezeichnet mit dem französischen Publikumspreis als »Bestes Buch des Jahres«. Eine warmherzige Vater-Tochter-Geschichte über das Abschiednehmen und den Versuch einer späten Versöhnung. »Wunderschön.« Le Monde des livres

»Die Reusen einholen« – das wären die Worte ihres Vaters gewesen, denkt Anne, als sie im Krankenhaus von Poissy steht und mit ihrem Bruder die Habseligkeiten des Verstorbenen zusammenpackt. Während sie sich um die Formalitäten kümmert, die Beerdigung organisiert, das Elternhaus ausräumt, muss sie sich den widersprüchlichen Gefühlen stellen, die sie mit ihrem Vater verbindet. Diesem zwiespältigen und scheinbar unbezwingbaren Mann, der aus einfachen Verhältnissen kam, ein Autodidakt war, auf seine Art ein Punk, ein leidenschaftlicher Anhänger orientalischer Philosophien, aber auch ein Alkoholiker und gewalttätiger Mann, der seine Familie in einen ständigen »Bürgerkrieg« verwickelt hat. Erst als ein Brief von einer Jugendfreundin des Vaters eintrifft, beginnt sie zu verstehen, wie zerbrechlich sein Leben in Wahrheit war. (Klappentext)

Nachdem sie die Habseligkeiten ihres Vaters aus dem Krankenhaus zusammen gepackt haben, sitzen sie vor dem Bestattungsunternehmer Monsieur Lecreux junior. Während des Gesprächs gerät ihr Bruder in Bestform und schreit Monsieur an, dass er sich mit dessen Gewinnspanne nicht einverstanden zeige, das alles sei Halsabschneiderei. Als sie entscheidet, dass sie sich durchaus einen Eichensarg statt einer Kieferkiste leisten könne, macht ihr Bruder gute Miene zum bösen Spiel und beschwert sich erst auf der Straße darüber, wie herablassend sie ihn behandelt hat und wie dumm dastehen lassen. So kennt sie ihn, das hat et er von seinem Vater, dieses cholerische und zwingt sie mit seiner Art in die Situation ihrer Mutter. Soweit ist es also zwischen ihnen gekommen. 

Sie fährt allein in das Haus ihres Vaters um auszusortieren, sich von Dingen zu trennen, die niemand mehr will. Die vielen Telefonate fallen ihr ein, wenn er sie angerufen hat. Dann ist er die Treppe hinabgestürzt und hat sich die Stirn angeschlagen. Ein folgendes Subduralhämatom hatte ihn ins Krankenhaus gezwungen. Aus Wut über seine Alkoholausfälle ging sie nicht ans Telefon und hat sich vor Selbstvorwürfen zerfressen. Dann ging sie wieder hin um den Schaden einer umgekippten Urinflasche zu beseitigen, den Küchentisch von verwesenden chinesischen Instandnudeln zu befreien und aus der Plastiktüte am Fußende seines Bettes abgelaufenen Joghurt und vergammeltes Obst zu entsorgen. Sie schrie, dann seufzte sie laut, verdrehte die Augen und fiel in das alte Verhaltensmuster mit ihm, in das alte Spiel.

Er drängte und drängte, und ich gab nach, erst unter Protest, dann mit einer ganz und gar katholischen Selbstverleugnung. Aber es endete stets damit, dass ich diesen so verletzlichen Körper, dessen Unberechenbarkeit und Brutalität ich so lange gefürchtet hatte, umarmte, küsste und pflegte. S. 55

Fazit: Diese Geschichte habe ich sehr gemocht. Anne Pauly schreibt so modern, aufgeschlossen und reflektiert. Sie hat dem Thema Abschied nehmen und Verzeihen genau die richtige Prise Humor hinzugefügt. Dass der Vater die Familie terrorisiert hat, verblasst im Laufe der Erzählung und dadurch schafft die Autorin Platz für einen charakterstarken Mann, der schon in frühen Jahren durch seine Armut gebeutelt wurde und deshalb weniger Chancen hatte, als andere. Und, der zu einer Zeit aufwuchs, in der „Männer sich noch wie Männer benahmen“, ihren Frust hinuntersoffen, keine Gefühle zeigten und die Angst rausbrüllten, die sie sonst zu ersticken drohte. Vor allem hat die Autorin hat gezeigt, dass der Mensch, trotz aller fehlerhaften Verhaltensweisen, im Kern auch diese liebenswerten Seiten hat. 

Dieses Debüt wurde verständlicherweise mit dem französischen Publikumspreis, als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet.

Die Autorin: Anne Pauly wurde 1974 geboren. Ihr Debüt ‚Bevor ich es vergesse‘ war für alle wichtigen literarischen Preise in Frankreich nominiert und wurde mit dem Prix Inter als ‚Bestes Buch des Jahres‘ ausgezeichnet. Derzeit arbeitet Anne Pauly mit Virginie Despentes zusammen an einem Theaterstück.

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