Anna Oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sussebach
Jeder stirbt zweimal. Der erste Tod ist biologisch, der zweite durch das Vergessen(werden). Anna Kalthoff wurde 1867 geboren und starb 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie hinterließ wenige Spuren, denen ihr Urenkel gefolgt ist. Mit ein paar Fotos, Notizen, Schmuck und Poesiealben entsteht ein Bild, das viel Raum für Interpretationen lässt. weiterlesen
Nur für Mitglieder von Thorsten Nagelschmidt
Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte er sich letztes Jahr geschworen. Das tiefe Loch, in das er gefallen war, ließ ihn erst Monate später wieder frei. Helena sagte ihm am Klobichsee in der Märkischen Schweiz, dass er bei seinen Eltern gerne eingeladen wäre. Für Helenas Familie ist Weihnachten das Highlight des Jahres. Baumschmuck, Kirche, Festessen. weiterlesen
Das gewöhnliche Leben von Adèle Van Reeth
Sie hat Schwierigkeiten mit dem gewöhnlichen Leben. Etwas daran hindert sie am Atmen. Es ist nicht das Kind, das sie bald entbinden wird, obwohl es auf ihr Zwerchfell drückt. Sie fürchtet sich davor, sich irgendwo dauerhaft einzurichten, an einem Ort richtig zu leben. weiterlesen
Am Meerschwein übt das Kind den Tod von Nora Gomringer
Ihr erstes Meerschweinchen Paula war von dem Rottweiler Jago erjagt, zu Tode gewälzt, gebissen und dann liegengelassen worden. Nero, ein anderes Schweinchen, war plötzlich dagelegen. Es muss ihr Versagen gewesen sein. Wahrscheinlich hatte sie zu wenig oder das falsche Essen gereicht. weiterlesen
Rom sehen und nicht sterben von Peter Wawerzinek
Er steht auf der Brücke Ponte Sisto. Über ihm tanzt ein, das Auge überwältigender, Schwarm Stare. In großem Tempo ändert die Formation die Richtung, schlägt Wellen und dann wieder Formen, dreht abrupt ab und wird vom dunkel gewordenen Nachthimmel verschluckt. Was für eine Pracht, welche Freude. weiterlesen
Das Buch zum Film von Clemens J. Setz
Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.
In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm weiterexistieren dürfen. S. 7 weiterlesen
Der Absturz von Édouard Louis
Édouard hatte seinen Bruder fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Als er von seinem Tod erfuhr, nahm er die Nachricht auf wie einen Wetterbericht. Seine Mutter hatte immer einmal vorsichtig insistiert: „Gib ihm doch noch eine Chance“. Édouard wollte nicht. weiterlesen
Working Class Girl von Katriona O´Sullivan
Im Krankenhaus gab der Arzt Tony zu verstehen, dass er, wenn er jetzt gleich aufhörte, diesen Kampf noch für sich entscheiden könne. Tony selbst glaubte, er müsse einfach nur ein bisschen weniger rauchen. Ein Jahr später war er tot. Katrionas Vater war süchtig nach allem. Zigaretten, Alkohol. Heroin und Frauen. weiterlesen
Zerbrichmeinnicht von Sibylle Reuter
Sibylle hat Angst, dass ihr Leben die beschissene Fortsetzung des Lebens ihrer Eltern ist. Ihre Oma ist von Graz nach Bulgarien geflüchtet, gerade als das mit Hitler immer größer wurde. Ihr Sohn Nasko flüchtete 1954 in die mütterliche Heimat Österreich, als das mit dem bulgarischen politischen System erkennbar aussichtslos wurde. weiterlesen
Halbe Portion von Elisabeth Pape
Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, hauptsächlich Bücher, sagt sie. Und das stimmt zum Teil! Die vielen Lebensmittel, die sie in Sonderangeboten ergattert und gebunkert hat, verschweigt sie. weiterlesen
Zwei Männer in einem Raum von Walter Vogt
Die beiden hatten ihn in einer verruchten Bar angehauen. Er erfuhr, dass beide ein positives Ergebnis hatten und zeigte sich unfähig, diese gegenwärtige Bedrohung, diese Seuche, wie sie gemeinhin genannt wurde, zu verdauen. Seit etwa zwei Jahren versuchte er mal mehr, mal weniger flapsig dieses Syndrom wegzurationalisieren. Diese Bürde, die von der Liebe kam, mit der mittlerweile etwa dreißig Prozent infiziert waren. weiterlesen
Mama, bitte lern Deutsch von Tahsim Durgun
Tahsims Eltern leben seit über 30 Jahren in Deutschland. Sie sind Kurden, genau genommen kurdische Yeziden und gehören wegen ihrer eigenen religiösen Glaubenssätze, einer Minderheit an. Seine Mutter verbrachte den größten Teil ihrer Jugend in der Osttürkei, Sein Vater ging schon früh nach Syrien. weiterlesen
Einsamsein von Daniel Haas
2021 kündigte seine Mutter an, auf „die Wolke“ zu gehen, so wie auch sein Vater schon 1984 auf die Wolke gegangen war. Der Vater hatte einen Baum gewählt, die Mutter bittet den Schweizer Sterbehilfeverein-Exit um Hilfe. Er solle am 27. August in die Schweiz kommen und dann blieben noch zwei Tage Zeit, um alles Nähere zu klären. weiterlesen
Entzug von Christoph Peters
Was das soll, will die verärgerte Frau wissen. Sie meint die halb leere Flasche Wodka auf dem Küchentisch, die dort grundsätzlich, jedoch mittags um 12 Uhr nichts verloren hat. Auf dem Tisch sollte bald das Mittagessen stehen, aber er hat noch gar nicht angefangen zu kochen. Wodka liegt bei ihnen sowieso im Eisfach, also wenn er ihn nicht getrunken oder vergessen hat, neuen zu besorgen. weiterlesen
Ein Haus für mich von Christine Koschmieder
Christine ist in dreiundzwanzig Jahren einundzwanzig Mal umgezogen. Es kamen Menschen und Kinder hinzu und gingen wieder. Jetzt visioniert sie ein kleines Haus für sich, eines, das zum Bleiben einlädt. In dem sie für Menschen, die an ihrem großen Tisch sitzen kocht, die mit ihr darüber sprechen, wie sich die Welt gestalten lässt. weiterlesen
Bildnis eines Unsichtbaren von Hans Pleschinski
Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig Beerdigungen gewesen. Er verbrachte nur noch jedes vierte Wochenende in Paris, den Rest der Zeit arbeitete er auf dem kleinen Weingut seiner betagten Eltern in Roussillon. weiterlesen
Grünkohl und Curry von Hasnain Kazim
1974 sind Hasnains Eltern von Pakistan nach Deutschland gezogen. Vor den Toren Hamburgs in Twielenfeeth sollten sie ein Zuhause finden. Doch die Willkür der Ausländerbehörde hat es ihnen nicht leicht gemacht und die anpassungsfähige Familie mehrfach mit Ausweisung bedroht. weiterlesen
Oma Jever von Gerhard Henschel
Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. Um ihr praktisches Können zu vertiefen, schickte die Familie sie für sieben Jahre nach Düsseldorf. Dort wurde sie von Hilde im Putzen, Kochen und Handarbeiten angelernt. weiterlesen
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
Der Mutterbauch ist ihr Resonanzraum. Lale spürt die Vibrationen, wenn die Mutter spricht. Sie schwappt im Fruchtwasser, wenn die Mutter sich erhebt und ein paar Schritte geht. Schreit die Mutter den Vater an, erhöht sich die Frequenz, gesteht sie ihm ihre Liebe, sinkt sie. Vater und Mutter sind mit dem Mutterbauch nach Spanien gefahren, damit die Mutter einen Entzug machen kann. weiterlesen