Rezensionen Altern

Altern Elke Heidenreich

Autorin: Elke Heidenreich, Genre: Sachbuch Essay, Verlag: Hanser Berlin, ISBN: 978-3-446-27964-3, 8. Auflage 2024, 111 Seiten, Preis Hardcover €20,00

Spiegel Bestseller Platz 1 seit Mai 2024

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Das Leben lesen: Elke Heidenreich schreibt ganz persönlich über ein Thema, das uns alle betrifft. Ein ehrliches Buch über das Altern, das Mut macht.
Alle wollen alt werden, niemand will alt sein. Der Widerspruch ist absurd, das Leiden daran real. Wie lernen wir, so gut wie möglich damit zurechtzukommen? Geht das, alt werden und ein erfülltes Leben führen? Elke Heidenreich hat sich mit dem Altwerden beschäftigt. Herausgekommen ist dabei ein Buch, wie nur sie es schreiben kann. Persönlich, ehrlich, doch nie gnadenlos, mit einem Wort: lebensklug. Sie denkt über ihr eigenes Leben nach, und das heißt vor allem, über ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Im Alter trägt man die Konsequenzen für alles, was man getan hat. Aber mit ihm kommt auch Gelassenheit, und man begreift: „Das meiste ist vollkommen unwichtig. Man sollte einfach atmen und dankbar sein.“ (Klappentext)

Geboren ist Elke Heidenreich während der letzten zwei Kriegsjahre. Ihre Eltern waren nicht nett und sie war kein nettes Kind, deshalb kam sie in eine evangelische Pflegefamilie. Abendliche Diskussionen, Klavierspiel, gute Schule, Abitur, Studium. Mit dreiundzwanzig wurde sie wegen einer schweren Lungenerkrankung operiert und man legte ihr nahe, ihr Testament zu machen. 

Die Autorin überlebte und findet rückblickend, dass sie in ihrem Leben zu viel getrunken, geraucht und zu viele Affären gehabt hatte. In den Tagebüchern ihrer Jugend hat sie nur gejammert … „Liebt er mich? Warum nicht?“ Sie war eine unglückliche Zwanzigjährige, alles war unklar und kompliziert, als würde man einen Berg erklimmen. 

Im Alter denkt sie über andere Alte nach. Sie hat sich gut gehalten und spricht das ihren Genen zu. Sie weiß, dass sie privilegiert ist, dass andere weniger Glück hatten, durch körperliche Arbeit schneller gealtert sind. Die Lebensqualität hänge von sozialer Stellung, dem Umfeld und dem Land ab, in dem man lebe. 

Sie lässt sich nicht hängen, arbeitet immer noch, steht jeden Morgen auf, auch wenn die Knochen schmerzen und setzt sich an ihren Schreibtisch und der Hund muss auch raus. Sie hat sich mit ihren zweiundachtzig arrangiert, macht es sich schön. Sie pflegt ihre Freundschaften auch wenn die Reihen sich lichten. Sie schreibt, hört ihre klassische Musik und wenn sie von unguten Gedanken heimgesucht wird, liest sie ein Buch, das hilft.

Fazit: Dieser Blick in ein anderes, ein in Fülle gelebtes Leben ist, als plaudere ich mit einer jung gebliebenen Frau. Elke Heidenreich wirkt sehr lebendig. Sie unterstreicht ihre Worte immer wieder, in dem sie Zitate einstreut. Ich teile vieler ihrer Einsichten, deswegen hat mir ihr Essay auch bis zur Seite 90 ausgesprochen gut gefallen. Die letzten 20 Seiten wurden mir schmerzlich verleidet, weil die Autorin beginnt zu lamentieren und glaubt:

… dass viele, bei denen eine Depression diagnostiziert werde, im Grunde „nur“ melancholisch sind. S.91

Die stellen sich nur ein bisschen an? 

Die Therapie ist schwierig, was die Medikamente betrifft, auch gefährlich. S.91

Ja, aber auch unumgänglich, weil die Krankheit diese Menschen tragischerweise unbehandelt nicht selten in den Suizid treibt. Sicher, das Risiko der Antidepressiva ist, dass es zu einer Antriebssteigerung kommt, bevor die Stimmungsaufhellung erfolgt. Und auch deshalb sollte eine Depression nicht nur medikamentös, sondern auch therapeutisch begleitet werden. Aber wie kann man solches Scheinwissen, solche Behauptungen einfach in die Öffentlichkeit posaunen und sich damit als Expertise aufspielen? Schuster bleib bei deinen Leisten: Empfehle Literatur, aber erkläre nicht die Welt!

… heutzutage gibt es Erdnussallergien, Milchallergien, Glutenallergien, die Liste ist lang. Wir hatten nur Essen oder kein Essen. S. 106

Bis auf die Nüsse sind das Nahrungsmittelintoleranzen.

Ich denke, wir leben in übervorsichtigen, vielleicht auch etwas hysterischen Zeiten. Die Welt ist in einem miserablen Zustand angeführt von einem Haufen verantwortungsloser, reaktionärer, zunehmend nationalistischer Politiker und wir pflegen unsere Allergien, Zipperlein, Ressentiments? Es ist so armselig, so überflüssig. S.107

Das ist reine Selbstdarstellung.

Und weil die Welt in einem solch (unbestreitbar) miserablen Zustand ist, ist es armselig oder töricht, unter Laktose-, Gluten-, Histamin-, Intoleranzen oder Nussallergien zu leiden? Wow!

Bagatellisierungen und Verallgemeinerungen finde ich unangenehm.

Ich erwähne wieder mein Unbehagen darüber, dass die Autorin die Liebe zwischen Knaben und älteren Frauen genauso gerechtfertigt findet, wie die zwischen Mädchen oder jungen Frauen und älteren Männern. Natürlich gleiches Recht für alle. Wenn Männer sich mit dem Ruf des Sugardaddy arrangieren okay. Für mich sind beide Parteien emotional unreif. Doch die Geschichte eines Sechzehnjährigen, der von seiner älteren Geliebten adoptiert wird, damit sie in ihrem Konstrukt gesellschaftskonform und frei von Pöbeleien leben können, das hat halt ein Geschmäckle.

Ich wünsche mir, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und viele andere Menschen erreichen können, sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Im Netz wird soviel Unsinn verbreitet, bitte nicht auch noch in Büchern.

Die Autorin: Elke Heidenreich lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Ernst-Johann-Literaturpreis 2021. Bei Hanser erschienen u.a.: Der Welt den Rücken (Erzählungen, 2001), Passione (Liebeserklärung an die Musik, 2009), Alles kein Zufall (Kurze Geschichten, 2016), Männer in Kamelhaarmänteln (Kurze Geschichten über Kleider und Leute, 2020) und zuletzt Ihr glücklichen Augen (Kurze Geschichten zu weiten Reisen, 2022). Im Kinder- und Jugendbuch veröffentlichte sie u.a. Nero Corleone kehrt zurück (mit Quint Buchholz, 2011), Nurejews Hund (mit Michael Sowa, 2013) und Erika (mit Michael Sowa, 2015). 2023 folgte Frau Dr. Moormann & ich (Illustration: Michael Sowa).

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