Rezensionen Ein Mädchen verliess das Zimmer

Ein Mädchen verliess das Zimmer von Ulrikka S. Gernes

Autorin: Ulrikka S. Gernes, Genre: Literarische Fiktion, Verlag: Gutkind, ISBN: 978-3-98941-082-4, 1. deutschsprachige Auflage 01/2026, 384 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Romandebüt

Bestseller in Dänemark

Werbelink*
Werbelink*
Werbelink*

‚Ein Buch, das einen nicht mehr loslässt.‘ Politiken Als Erwachsene blickt Tanja auf ihre gestohlene Jugend zurück und fragt sich: Warum hat niemand sie beschützt? 1980: Tanja wächst in einer Künstlerfamilie auf. Ihre Eltern sind mit der Karriere des Vaters und ihrer zerrütteten Ehe beschäftigt, während sie einsam und voller Sehnsucht davon träumt, eine Frau zu werden. Auf einer Vernissage in Kopenhagen begegnet sie als 14-Jährige dem charismatischen Schriftsteller Eg. Er macht ihr Komplimente, spricht mit ihr wie mit einer Erwachsenen. Eg beginnt, ihr lange, gefühlvolle Briefe zu schreiben. Tanja ist neugierig und erlebt ihre erste Verliebtheit. Doch das Erwachen von Sexualität wird zu einer verwirrenden und schmerzhaften Erfahrung, die sie für immer prägen wird. Ulrikka S. Gernes erzählt schnörkellos und doch poetisch von einer Frau, die versucht, eine Verbindung zu dem Mädchen herzustellen, das sie einmal war. Eine radikal mutige Geschichte über Macht und Resilienz, die in Dänemark Tausende Leserinnen und Leser eroberte. ‚Voller Zartheit und innerem Beben. Dieser Roman ist keine Anklage, sondern eine Offenlegung – erschütternd, poetisch, notwendig.‘ Maria-Christina Piwowarski ‚Schonungslos ehrlich und herausragend erzählt.‘ Jyllands-Posten ‚Unfassbar fesselnd.‘ (Klappentext)

2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten Mal begegnete. Auf einer Vernissage ihres Vaters  tauchte er mit ihrer Mutter hinter ihr auf. Sie blickte gerade durch das Objektiv ihrer Kamera. Ob sie Blow Up gesehen hatte, wollte er wissen. Seine Mutter stellte ihn als Schriftsteller vor. Er nahm ihr die Kamera aus der Hand und schoss ein Foto von ihr. Sie möge es ihm schicken, wenn sie es entwickelt hätte, dann habe er etwas, das ihn an sie erinnern würde. 

Das Foto war schrecklich, sie haderte mit sich, kam dann aber ihrer Pflicht nach und steckte es in ein Kuvert. Den Brief, der das Bild begleiten sollte, schrieb sie dreimal um. Wenige Tage später bekam sie einen Brief von ihm, der mit den Worten, meine hübsche, hinreißende, liebe Tanja, begann. Nach wenigen Wochen des Briefwechsels konnte sie an nichts anderes mehr denken. In den einsamen Nächten streichelte sie ihr Gesicht, fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, den Hals und tauchte schließlich unter die Bettdecke nach unten, als wäre es seine Hand. 

Eg forderte sie auf, mit ihm zu telefonieren, aber das traute sie sich nicht, weil sie befürchtete, dass ihr die Worte fehlten. In den Briefen war sie jemand anders, eine erwachsene Tanja, die, die sie für Eg sein wollte. Sie fieberte jedem seiner Briefe entgegen, verschlang jedes Wort:

Kannst du etwas damit anfangen, dass du mir mehr bedeutest als ich mir selbst? S. 66

Eg gestand ihr, dass er als Dozent schon einmal ein so junges Mädchen gehabt habe. Er sei ihr Erster gewesen. 

Fazit: Die dänische Dichterin Ulrikka S. Gernes hat in ihrem Romandebüt eine toxische Beziehung zwischen dem 44-jährigen Eg und der 14-jährigen Tanja beleuchtet. Es beginnt mit einem harmlosen Foto. Die Autorin lässt ihre heute 30 Jahre alte Protagonistin zurückblicken. Ausgelöst durch seinen Tod beginnt die Tortur der Erinnerungen. Tanja ist vulnerabel, ihr erfolgreicher, kränklicher Vater ist mit sich selbst beschäftigt und ungenießbar, ihre Mutter leidet darunter. Die Schule langweilt sie und da trifft sie ihn. Er macht ihr schnell mit schnulzigen Worten Avancen, für die sie sehr empfänglich ist. Ab ihrem 15. Geburtstag nötigt er sie mehrfach, sich mit ihm zu treffen. Sie belügt ihre Eltern. Er manipuliert gekonnt ihre Mutter, indem er sie mit verbaler Wertschätzung überhäuft. Tanja wird emotional abhängig. Die Geschichte wirkt so real und entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Gebannt sehe ich dabei zu, wie er sie auf sich konditioniert. Tanja versucht für ihn eine erwachsene Frau zu sein und verpasst diese wichtige Entwicklungsphase, die sie nur mit Gleichaltrigen erleben kann. Alle sehen dabei zu, keiner kommt auf die Idee, dass es ihr nachhaltig schaden könnte. Dieser kranke, erfolgreiche Mann hat alles, was sie nicht hat. Er ist lebenserfahren, klug, galant, hat Freundschaften und wird bewundert. All das reicht ihm nicht. Wie ein Fass ohne Boden benutzt er sie, um sein Ego zu mästen. Ein schmerzliches, fesselndes Buch, das völlig verständlich ein Bestseller in Dänemark geworden ist.

Die Autorin: Ulrikka S. Gernes ist eine dänische Schriftstellerin und Dichterin. Sie veröffentlichte 1984 ihren ersten Gedichtband und hat seither zahlreiche weitere Lyrikwerke herausgebracht. Ein Mädchen verließ das Zimmer ist ihr Debüt als Romanautorin und ein Bestseller in Dänemark. Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von Tove Ditlevsen, Maja Lunde und Johan Harstad. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Hamburger Literaturpreis für Übersetzungen.

Du magst vielleicht auch

Kommentar verfassen