Rezensionen Vaters Meer

Vaters Meer von Deniz Utlu

Autor: Deniz Utlu, Genre: Literarische Fiktion, Verlag: Suhrkamp, ISBN: 978-3-518-43144-3, 1. Auflage 2023, 384 Seiten, Preis Hardcover €25,00

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»Dieses Buch hat mein Herz gebrochen und wieder zusammengeflickt. Die Figuren und die Sprache, sie werden mich für immer begleiten.« Fatma Aydemir Yunus ist dreizehn Jahre alt, da erleidet sein Vater zwei Schlaganfälle und ist fortan nahezu vollständig gelähmt. Er kann nur noch über Augenbewegungen kommunizieren. Zehn Jahre wird er von Yunus‘ Mutter gepflegt, erst in einem Heim, dann zu Hause, bevor er stirbt. Und Yunus, der zum Studium ausgezogen ist aus der elterlichen Wohnung, ruft sich immer wieder Bilder aus seiner Kindheit wach: Erlebnisse und Gespräche mit dem Vater, von denen er manchmal gar nicht mehr wusste, dass er sie noch in sich trägt. Sie fügen sich zu dem warmherzigen Porträt eines Mannes, der mit lauter Stimme lachte oder auf Arabisch fluchte, der häufig abwesend und leicht reizbar war und der einst aus Mardin nahe der türkisch-syrischen Grenze nach Istanbul ging, dort den Militärputsch miterlebte und schließlich mit einem Frachtschiff nach Deutschland kam.
Vaters Meer erzählt von einem Schicksalsschlag, der eine ganze Familie trifft, von einer Vater-Sohn-Beziehung, die abrupt endet, von Migration und Zugehörigkeit. Deniz Utlu zeichnet die unerwarteten Wege des Lebens wie der Erinnerung nach. Sein Roman zeugt von der Kraft des Erzählens – die dann am deutlichsten wird, wenn die Sprache das Letzte ist, was einem bleibt. (Klappentext)

Yunus ist der kleine Junge mit der großen Familie. Er ist das zweite Kind seines Vaters Zeki, und seine Mutter Senem die zweite Frau. Beim ersten Mal hatte Zeki großes Pech, seine erste Frau hat ihn verlassen und ist mit ihrer Tochter zurückgegangen, in die Türkei. Obwohl er den beiden hinterherreiste, hat er sein Mädchen nicht wieder gesehen. Danach folgten die acht traurigsten Jahre seines Lebens, acht Jahre Einsamkeit. 

Yunus sah seinen Vater das erste Mal Fallen, als sie zu Besuch in Vaters und Mutters Heimatort Mardin waren. Ein Arzt eilte herbei, gab dem Vater eine Spritze und rief den Rettungswagen. Alle waren verwirrt, seine Mutter ganz grau im Gesicht. Nach wenigen Tagen war Zeki wieder da, hatte sich selbst entlassen. In der Küche sprach er vor dem zu Bett gehen noch kurz mit Yunus, er möge sich vor seinen Freunden in Acht nehmen, die älter waren als er. Doch Yunus machte ihm Vorwürfe, was er jetzt wolle, er habe sich doch nie wirklich um ihn gekümmert, er ginge besser wieder dorthin zurück, wo er hergekommen sei. In dieser Nacht fällt Vater zum zweiten Mal und verliert seine Sprache, seine Gesten, sein Lachen, alles. 

Yunus macht sich auf den Weg herauszufinden, wer sein Vater war. Dieser stolze Mann, der nur seine arabische Muttersprache sprach, wenn er schimpfte oder jemanden verfluchte. Sein Sinn für Musik und das geschriebene Wort. Seine Präsenz, wenn er Menschen begegnete.

Ich schämte mich, wenn ich erlosch. Mein Vater hatte zu unterhalten gewusst, unvorstellbar: er in einer Ecke auf einer Party, ein Schatten seiner selbst. Hatte ich mir nur das Schweigen von ihm geholt und nicht das Reden? Ich, missraten. Sohn des Nichts und nicht des Sein. S. 268

Fazit: Die ersten achtig Seiten habe ich gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden. Danach habe ich Deniz Utlu gerne zugehört und die Stimmung, die er erzeugt hat wahrgenommen. Die Figur des Vaters hat zum Ende der Geschichte immer mehr an Kontur gewonnen. Die kluge bestimmte Zärtlichkeit der Mutter wurde gut dargestellt. Seine Schreibtechnik ist großartig aber auch langatmig, für ungeduldige Menschen wie mich. Und, ich fühlte nicht mit. Es war, als betrachte ich ein Bild, das sich erst entfaltet, je mehr Abstand ich nehme. Jetzt nachdem ich meine Bewertung geschrieben habe, bin ich bewegter, als während des Lesens. Auch empfehlenswert „Gegen Morgen“

Der Autor: Deniz Utlu, geboren 1983 in Hannover, studierte Volkswirtschaftslehre in Berlin und Paris. Von 2003 bis 2014 gab er das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext heraus. Sein Debütroman, Die Ungehaltenen, erschien 2014 und wurde 2015 im Maxim Gorki Theater für die Bühne adaptiert. 2019 erschien sein zweiter Roman Gegen Morgen. Außerdem hat er Theaterstücke, Lyrik und Essays verfasst. Er forscht am Deutschen Institut für Menschenrechte und veranstaltet am Maxim Gorki Theater die Literaturreihe Prosa der Verhältnisse. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Alfred-Döblin-Preis und dem Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover.

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