Kummer aller Art von Mariana Leky
Autorin: Mariana Leky, Genre: Psychologische Fiktion, Humor, Verlag: Dumont, ISBN: 978-3-8321-8216-8, 6. Auflage 2023, 170 Seiten, Preis Hardcover €22,00
»Alle wirken innerlich blitzblank, nur in unserem Inneren sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa«, denkt sich Kioskbesitzer Armin, als er vergeblich versucht, erfolgreich zu meditieren. Und auch im Inneren der anderen Figuren dieser literarischen Kolumnen herrscht Unordnung: Frau Wiese kann nicht mehr schlafen, Herr Pohl ist nachhaltig verzagt, Lisa hat ihren ersten Liebeskummer, Vadims Hände zittern, Frau Schwerter muss ganz dringend entspannen, ein trauriger Patient hat seine Herde verloren, und Psychoanalytiker Ulrich legt sich mit der Vergänglichkeit an. Kummer aller Art plagt die Menschen, die sich, mal besser, mal schlechter, durch den Alltag manövrieren. Aber der Kummer vereint sie auch, etwa, wenn auf Spaziergängen Probleme zwar nicht gelöst werden, aber zumindest mal an die Luft und ans Licht kommen.
Klug, humorvoll und mit großem Sinn für Feinheiten und Absurditäten porträtiert Mariana Leky Lebenslagen von Menschen, denen es nicht an Zutraulichkeit mangelt, wohl aber am Mut zur Erkenntnis, dass man dem Leben nicht dauerhaft ausweichen kann.
Die in >Kummer aller Art< versammelten Texte erschienen erstmals als Kolumnen in PSYCHOLOGIE HEUTE. (Klappentext)
Die Zwergpinscherdame Lori zittert wenn sie draußen ist. Vermutlich hat sie genausoviel Angst, wie ihr Besitzer Herr Pohl. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Lori die gleichen Ängste plagen, wie Herrn Pohl, denn der hat Angst vor dem Innenraum eines Flugzeugs, aber auch vor der Enge in Aufzügen. Immer, wenn sich die Türen schließen, schießt das Adrenalin durch seine Blutbahn und, da gleicht er sich seiner Hündin an, lähmt ihn.
Frau Wiese und die Protagonistin sind sich darin einig, was hervorragend dazu neigt, den Schlaf zu verhindern. Es sind die bräsigen Schafe, die, fängt man an sie zu zählen, bockig dazu neigen eben nicht zu springen. Auch Mahnungen sagt man nach, dass sich der geschuldete Betrag in schlaflosen Nächten eher vergrößert.
Sorgen haben in durchwachten Nächten bekanntlich sehr, sehr leichtes Spiel, wie Halbstarke, die auf dem Schulhof einen Erstklässler vermöbeln. S.17
Sie mag keine Frisöre, weniger weil die sie mehr oder weniger verändern. Nein, sie fürchtet sich vor dem Gespräch, dem sie nicht ausweichen kann. Heute allerdings ist ihr Haarstylist angenehm zurückhaltend. Dafür hat er den Spiegel mit augenscheinlich sinnigen Sprüchen verziert: Nur, wer sich bedingungslos liebt, kann auch andere bedingungslos lieben! „Das ware toll, oder?“ sagt die alte Dame neben ihr mit der Alufolie auf dem Kopf. Und dann gesteht die Protagonistin ihr, dass sie sich nicht bedingungslos liebt:
Wenn ich zum Beispiel jemanden oder mich selbst sehenden Auges hinters Licht führe, wenn ich meinen Mut nicht zusammennehme, sondern ihn verstreut herumliegen lasse, wenn ich schon am Morgen innerlich herummäkele, wenn ich meinen Sohn anherrsche, obwohl ich eigentlich gar nicht auf ihn, sondern auf einen Abgabetermin wütend bin, wenn ich „Ja natürlich“ sage, obwohl ich eigentlich „Um Gottes willen, bloß nicht!“ sagen will, ist meine Zuneigung zu mir überschaubar. S. 61
Fazit: Ich liebe dieses Buch! Mariana Leky hat mich rundum bereichert. Hat mir kleine Geschichten aus dem Alltag von Hinz und Kunz geschenkt und mir eine wunderbare Zeit beschert. So humorvolle und selbstironische Einblicke in die labile Psyche meiner Mitmenschen, die ich so gut nachempfinden kann, weil auch ich Ängste habe, Zwänge, Zweifel und Gedanken, die ich mein*em größten Feind*in nicht wünsche. Selten habe ich so gute Portäts über die unterschiedlichsten mentalen Verfassungen gesehen, gespickt mit einem schelmischen Augenzwinkern, außer vielleicht bei Paul Watzlawick. Ihr Schreibstil und die Metaphern machen ihre Geschichten so lebhaft bildlich. Dieses weise, menschenfreundliche Büchlein, das es jetzt auch im Taschenbuchformat gibt, hat sich verständlicherweise einen wohlverdienten Rang auf der Spiegel-Bestsellerliste ergattert.
Die Autorin:
MARIANA LEKY studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Sie lebt in Berlin und Köln. Bei DuMont erschienen der Erzählband -Liebesperlen- (2001), die Romane -Erste Hilfe- (2004), -Die Herrenausstatterin- (2010) sowie -Bis der Arzt kommt- (2013). 2017 veröffentlichte sie den SPIEGEL-Bestsellerroman -Was man von hier aus sehen kann-, der in über zwanzig Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt wurde.