Juli August September von Olga Grjasnowa
Autorin: Olga Grjasnowa, Genre: Fiktion, Verlag: Hanser Berlin, ISBN: 978-3-446-28169-1, 1. Auflage 2024, 214 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Lous zweiter Ehemann ist eine Trophäe – das muss selbst ihre Mutter anerkennen. Sergej ist Pianist und er ist jüdisch, genau wie Lou. Trotzdem ist ihre Tochter Rosa noch nie in einer Synagoge gewesen – eine ganz normale jüdische Familie in Berlin. Aber sind sie noch eine Familie, und was ist das überhaupt? Um das herauszufinden, folgt Lou der Einladung zum 90. Geburtstag ihrer Tante. In einem abgehalfterten Resort auf Gran Canaria trifft der ganze ex-sowjetische Clan aus Israel zusammen, verbunden nur noch durch wechselseitige Missgunst. Gegen die kleinen Bösartigkeiten und die vage Leere in sich trinkt Lou systematisch an und weiß plötzlich, dass die Antwort auf all ihre Fragen in der glühenden Hitze Tel Avivs zu finden ist.
Ein Roman, so aktuell, zynisch und unterhaltsam, wie nur Olga Grjasnowa ihn schreiben kann, über eine Frau, deren Identität sich aus lauter Splittern zusammensetzt, die scheinbar alle nicht zusammenpassen. Bis sie es auf unerwartete Weise doch tun. (Klappentext)
Lou ist promovierte Kunsthistorikerin und Mutter. Nachdem sie von ihrem ersten Mann verlassen wurde, der sich dem Studium seiner Religion widmen wollte, ging Lou möglichst weit weg. Sie schrieb sich an der Columbia ein und zog nach New York, wo sie Sergej kennenlernte. Obwohl sie nahezu ein Paar waren, fehlte die letzte Konsequenz, denn Lou wollte sich nicht mehr binden. Da Sergej weltweit Konzerte gab, verloren sie sich aus den Augen.
Erst nach ihrem Studium trafen sie sich in Berlin wieder und bekamen ihr erstes Kind. Lous Mutter kam mit Lou aus Aserbaidschan nach Berlin. Sie arbeitete als Klavierlehrerin und konnte sich eine kleine Wohnung leisten. Jetzt lebt Lou mit Sergej in seiner großzügigen Altbauwohnung und es fehlt ihr an nichts, deshalb fühlt sie sich manchmal wie eine Betrügerin, die sich etwas erschlichen hat, das ihr nicht zusteht. Genau dieses Gefühl gibt ihr ihre Schwiegermutter, als wäre Lou nicht gut genug für ihren Sohn.
Wenn Sergej sich auf seine Konzerte vorbereitet, taucht er tagelang ab und ist kaum ansprechbar. Bei seinem letzten Auftritt bekam er im Angesicht des Publikums und dem Wissen über dessen Erwartungen solche Atemnot, dass er fürchtete ohnmächtig zu werden. Und dann wird Lous Großtante neunzig und Lous Mutter will unbedingt, dass Lou sie zu der Feier begleitet.
Fazit: Olga Grjasnowa hat einen leichten Unterhaltungsroman geschaffen. Die Protagonistin ist Jüdin, die, wie der Rest der Familie in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen ist. Während der Rest der Familie nach Israel zieht, geht ihre Mutter mit ihr nach Berlin und fortan sind die beiden die Außenseiter. Während Lous Mutter um ihre Existenz kämpfte, haben die anderen in Israel ihre schicken Appartements, auf dem Grund, der ihnen nicht gehört, abbezahlt und lassen es sich gut gehen. Missgunst ist der innerfamiliäre Tenor und Scham über die Schande, die der Großvater über alle hat hereinbrechen lassen. Die Autorin versucht recht schwere Themen abzuarbeiten, bleibt dabei aber im Oberflächlichen verhaftet. Die flockige Sprache kaschiert das Tragische und war mir zu flach. Da sich der Roman jedoch gut liest, kann ich mir vorstellen, dass er bei den Leser*innen, die leichte Literatur bevorzugen, gut ankommen wird.
Die Autorin: Olga Grjasnowa, geboren in Baku, Aserbaidschan. Sie lebt als Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland, der Türkei, den USA und Israel. Sie hat bislang einen Essay und vier Romane veröffentlicht, zuletzt 2020 „Der verlorene Sohn“. Ihre Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt, fürs Radio und die Bühne adaptiert und verfilmt.