Es gibt kein zurück von Ulf Erdmann Ziegler
Autor: Ulf Erdmann Ziegler, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: Wallstein, ISBN: 978-3-8353-5860-7, 1. Auflage 2/2025, 216 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Ein Mann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – ein bewegendes Roadmovie!
A.W. Mumme, ein bekannter Radio-Essayist, bekommt Post von der Rentenversicherung und beginnt, mit sich zu hadern: Sind 1.183 Euro Rente das, was ihm von einem langen Arbeitsleben übrig bleibt? Da kommt die Idee einer literarischen Agentin, er solle eine populäre Autobiografie verfassen, gerade zur rechten Zeit. Von einem prächtigen Vorschuss leistet sich Mumme ein ‚Retromotorrad‘. Damit begibt er sich auf eine Reise von Berlin über Leipzig und Paris bis an die Côte d’Azur, wo, in einer Stunde innerer Lähmung, sein Begriff von einem Sinn – des Lebens und in der Gesellschaft – zerbricht. Es gibt kein Zurück.
In den Bildern der Reise spiegelt sich Mummes Leben: als wurzelloses Kind einer Hippie-Mutter; als junger Mann in einer düsteren Stadt intellektueller Moden namens West-Berlin; als glamouröser Medienmann an der Seite einer nicht minder glamourösen Frau; als Freund eines Dandy-Künstlers – eine jahrzehntelange Freundschaft, die die politischen Strapazen einer Pandemie nicht übersteht.
Das Gespenst, das Mumme wirklich umtreibt, ist das Hasswort vom ‚alten weißen Mann‘, der er auf keinen Fall sein will – dessen Kürzel, AWM, jedoch zeitgleich das Anagramm seines Namens ist.
Ulf Erdmann Ziegler erzählt mit viel Witz und gleichzeitig melancholisch und ergreifend von einem Mann auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die das Leben stellt. (Klappentext)
Aldus Wieland Mumme von manchen Willi genannt, hadert mit seinem Namen, seit er denken kann, deswegen nennt er sich einfach A. W. Mumme. Er arbeitet als Freiberufler für das Bundesradio und liest seine eigenen Essays über skandalöse oder problematische Themen. Nach dreißig Jahren beim Sender weiß er alles über Rhetorik, Betonung und Stimme. Als er mit Halsschmerzen im Bett liegt, lauscht er seinem Ersatz, der weder die Größe des Entwurfs, die List des Angriffs, den Zorn über die schweigende Mehrheit so nötig verlauten lässt. Eher kommt die verbale Darbietung Mummes Essay rüber, wie beim Schulfunk für Erwachsene.
Mumme mag seine eigene Stimme eigentlich nicht. Wenn er sie hört, spürt er das Kind, das ohne Vater aufwuchs, das kehlige Schmusekind der Mutter. Schon in der Schule hatte Mumme Anpassungsschwierigkeiten. Er war nie einer Meinung, vor allem nicht mit großen Gruppen, aber auch Lehrer mussten Überzeugungsarbeit leisten. Er war das Kind des Zweifels, sein Mantra, das Dissens.
Seine Spezialität ist die Glosse, das nimmt den aktuellen und zweifelsfrei strittigen Themen die Schärfe. Als Mia Farrow Woody Allen im Zeichen des Rosenkriegs vorwarf, er habe sich an seinen Kindern vergangen, hat Mumme daraus eine Glosse gemacht. Er bezog selbst keine Stellung und bot wenig Angriffsfläche. Er ist einzigartig in seinem Metier. Jetzt ist er vierundsechzig und die Rentenversicherung hat ihm mitgeteilt, dass ihm knappe Tausendzweihundert zustehen, wenn er in zwei Jahren den Antrag einreicht. Da kommt die Idee seiner Agentin gerade recht. Er solle eine Autobiografie schreiben. Und Mumme geht ohne restlose Überzeugung in sich.
Fazit: Ulf Erdmann Ziegler verhandelt das Thema Depression. Mit viel Ruhe und Feingefühl zeichnet er einen Protagonisten, der überaus intelligent und kommunikationsbegabt ist. Seiner Mutter verdankt er, viel von der Welt gesehen zu haben, aber dadurch auch heimatlos und entwurzelt zu sein. Eine Vaterfigur hatte er nicht. Aus der unsteten Kindheit entsteht das Bedürfnis nach Sicherheit, weswegen er fast sein gesamtes Arbeitsleben beim gleichen Sender bleibt. Eine jahrelange Freundschaft ist an Corona zerbrochen. Seine Frau ist in der Geschichte physisch kaum anwesend, weil sie erfolgreich als Abgeordnete im Bundestag sitzt. Mumme hat beruflich eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden, die ihn intellektuell fordert, doch bleibt er dabei vage und unangreifbar. Seine Hörer lieben ihn und das pimpt seinen Selbstwert. Im privaten bleibt er ebenso vage und harmoniebedürftig. Nichts stört ihn, er hat keinen Diskussionsbedarf. Bald ist er den Job los, mit dem er sich identifizieren konnte. Was bleibt, sind Erinnerungen. Es ist diese typische Gefahr bei Männern, Gefühle zu unterdrücken und Bedürfnisse zu bagatellisieren, die in die lavierte Depression führt. Niemand bemerkt den enormen Leidensdruck, den die Betroffenen selbst kaum als solchen wahrnehmen, weil sie es nicht anders kennen. Bricht dann durch Berentung oder Trennung ein Teil der Festung weg, kann es durchaus zu Kurzschlusshandlungen kommen. Der Autor hat das alles sehr versiert und überzeugend dargestellt und damit ein wichtiges Buch geschaffen. Und noch dazu ganz und gar unterhaltsam.
Der Autor: Ulf Erdmann Ziegler, Jahrgang 1959, studierte zunächst Fotografie in Dortmund, später Literatur und Psychologie in Berlin. In seinem ersten Roman, ‚Hamburger Hochbahn‘, wurde das Metier der Architektur ausgeleuchtet, in ‚Nichts Weißes‘ die Typographie, in ‚Und jetzt du, Orlando!‘ das Kino. ‚Nichts Weißes‘ stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Für seine ersten beiden Bücher bei Wallstein bekam er den Hebbelpreis. Neben der Literatur schreibt Ziegler Essays, Kunstkritik und gelegentlich Nachrufe für die taz, den Deutschlandfunk und Monopol. ‚Es gibt kein Zurück‘ ist sein fünfter Roman.