Die kurze und schreckliche Regentschaft von Phil von George Saunders
Autor: George Saunders, Genre: Dystopie, Verlag: Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87682-5, 1. deutschsprachige Auflage 2024, 139 Seiten, Preis Hardcover €20,00
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
Mit Illustrationen von Benjamin Gibson
Man-Booker-Preisträger George Saunders erzählt eine aufrüttelnde Geschichte von der Zerstörungswut eines Populisten. »Der Schriftsteller für unsere Zeit.« The New York Times
Willkommen in Innen-Horner, einem Land, das so klein ist, dass es nur einen Bürger gleichzeitig aufnehmen kann. Die anderen sechs Bürger müssen in der Kurzzeitaufenthaltszone des umliegenden Landes Außen-Horner warten, bis sie dran sind. So haben es die sonderbaren, nicht ganz menschlichen Bewohner des Landes untereinander vereinbart. Doch als Innen-Horner plötzlich schrumpft und drei Viertel seiner Bevölkerung über die Grenze in das Gebiet von Außen-Horner gezwungen werden, sehen die Außen-Horneriten eine Invasion im Gange. Sie geraten in den Bann des machthungrigen und demagogischen Phil – was der Beginn ist seiner kurzen, dafür umso schrecklicheren Regentschaft… (Klappentext)
Die Bewohner von Innen-Horner haben sehr wenig Platz. Die anderen, außerhalb der Grenze ihres winzigen Landes nennt man Außen-Horner. Die wiederum möchten keinen Krümel von ihrem Land abgeben, auch weil sie befürchten, dass die anderen Popelländer dann auch ein Stück vom Kuchen wollen.
Der Grenzschutz der Außen-Horner findet problematisch, dass die Innen-Horner aus Platzmangel immer wieder den ein oder anderen Fuß auf ihr Land setzen. Phil ein Außen-Horner und Sonderling mittleren Alters, dessen Liebe einst von einer schönen Innen-Hornerin verschmäht wurde, spricht mit großer Autorität:
Dann besteuert sie.
Der Grenzschutz zeigt sich angetan von dieser grandiosen Idee und so nimmt man den Innen-Hornern ihren einzigen Apfelbaum, den Fluss und etwas Erde. Nachdem der Siegeszug ausgelassen gefeiert wurde, mehren sich die zuhörwilligen Außen-Horner. Phil benutzt viele verwirrende Phrasen, streut etwas Patriotismus hinzu, ein wenig Wertschätzung indem er das Gefühl von Stolz suggeriert und würzt seine Rede mit Charisma. Einzig die Grenzwächterin Melvin äußert leise Zweifel, die schnell im Keim erstickt sind.
Nachdem die Innen-Horner nun von ihren Ressourcen befreit sind, steht die nächste Steuerlast ins Haus und Phil insistiert, man könne ihnen die Kleider nehmen. Das ist keine große Sache, da die Innen-Horner in der Unterzahl sind. Von dem Steuererlös organisiert Phil noch ein paar Grenzposten zusätzlich, um die Innen-Horner besser kontrollieren zu können.
Fazit: Mit seinem ganzen Autorenkönnen illustriert George Saunders, wie ein Staat sich als Allmacht begreift und in die Totalität driftet. Anschaulich zeigt er, welche Mechanismen es braucht, die Macht an sich zu reißen, um Nachbarländer auszubeuten und zu kontrollieren. Protagonist und Nebendarsteller sind nicht menschlich gezeichnet, sondern eher als Maschinen. Die Geschichte ist anschaulich bebildert. George Saunders betont, dass er sich auf kein explizites Ereignis beruft, sondern lediglich die Dysfunktionalität des 20. Jahrhunderts versinnbildlichen wollte. Der wesentliche Aspekt, den der Autor rigoros herausgearbeitet hat ist der wesentliche menschliche Defekt des übergroßen Egos und des unbedingten Gewinnenwollens. Auch genial sein Schreibratgeber „Bei Regen in einem Teich schwimmen“.
Der Autor: George Saunders wurde 1958 in Amarillo, Texas, geboren, lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York, und ist Dozent an der Syracuse University. Er hat mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, erhielt u.a. 2013 den PEN/Malamud Award und 2014 den Folio Prize. Das Echo auf seinen ersten Roman ‚Lincoln im Bardo‘ war überwältigend: Man Booker Prize 2017, Shortlist für den Golden Man Booker Prize, Premio Gregor von Rezzori 2018, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und SPIEGEL-Bestseller.