Rezensionen Anna Oder: Was von einem Leben bleibt

Anna Oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sussebach

Autor: Henning Sussebach, Genre: Biografie, Verlag: C. H. Beck, ISBN: 978-3-406-83626-8, 1. Auflage 07/2025, 205 Seiten mit 17 Abbildungen, Preis Hardcover €23,00

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Eine Frau vor ihrer Zeit – die berührende Suche nach dem Leben der eigenen Urgroßmutter
1887, tief im Sauerland. Eine junge Frau kommt den Weg hinauf ins Dorf Cobbenrode. Dort soll Anna Kalthoff die neue Lehrerin werden. Doch sie wird es nicht bleiben. Denn Anna widersetzt sich bald den Erwartungen des Ortes und den Regeln ihrer Zeit. Sie entscheidet selbst, was sie zu tun und zu lassen hat, wie sie leben und wen sie lieben will. Zwei Jahrhunderte später rekonstruiert der Urenkel Annas inspirierendes Leben und rettet so die Geschichte einer selbstbewussten Frau vor dem Vergessen. Sein Buch ist eine zauberhafte Annäherung an die Vorfahren, ohne deren Entscheidungen und Mut es uns nicht gäbe.
Einige Fotos, Poesiealben, Postkarten, ein Kaffeeservice, ein Verlobungsring: Viel mehr stand Henning Sußebach nicht zur Verfügung, als er sich auf die Spuren seiner Urgroßmutter Anna begab. Nach einem Jahr der Suche fügte sich ein Bild: Da hat eine scheinbar gewöhnliche Frau ein außergewöhnliches Leben geführt, gegen allerlei Widerstände. Anna nahm sich, was sie vom Leben wollte. Männer, Arbeit, Freiheit! Diesem Willen hat der Autor seine Existenz zu verdanken. Sein Buch ermuntert uns alle, nach den Annas zu suchen, die es in jeder Familiengeschichte gibt. (Klappentext)

Jeder stirbt zweimal. Der erste Tod ist biologisch, der zweite durch das Vergessen(werden). Anna Kalthoff wurde 1867 geboren und starb 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie hinterließ wenige Spuren, denen ihr Urenkel gefolgt ist. Mit ein paar Fotos, Notizen, Schmuck und Poesiealben entsteht ein Bild, das viel Raum für Interpretationen lässt. 

Das Dorf im Sauerland, in dem Anna aufwuchs, bestand aus gemauerten Häusern. Wer es sich leisten konnte, deckte sein Dach mit Schiefer, die anderen belegten ihres mit Stroh. Ein Funke von einer vergessenen Kerze konnte einen zum Habenichts machen. Ihr Vater war Schankwirt, die Mutter vermögend, darüber allerdings gibt es keine Nachweise. Ein Auszug aus dem Katasteramt zeigt, dass die Familie Kirchenland gepachtet hatte. Anna wurde als vierte Tochter geboren. Der einzige Stammhalter Friedrich starb drei Wochen nach seiner Geburt an Schwäche. Als Anna zwölf war, waren weitere vier Kinder geboren, auch die ersehnten Söhne, der Vater jedoch starb an Wassersucht. Ein Konflikt zwischen Herzogtum und dem Bischof führte dazu, dass die Katholiken vertrieben wurden. Deswegen ging Anna, auf Geheiß der Mutter, in die Niederlande und ließ sich zur Lehrerin ausbilden. Sie war zwanzig Jahre jung, nicht einmal volljährig, als sie an die Dorfschule nach Cobbenrode ging und unterstellte sich dem Lehrerinnenzölibat. Sie bekam einen geringen Loh, eine kleine Wohnung und eine kleine Altersvorsorge. Es gab wenige Erziehungsmodelle. Die meisten bevorzugen das Strafen und nicht das Loben, damit die Kinder nicht verweichlichten. Schläge als Bestrafung waren normal. Der gesellschaftliche Tenor war Gottesfürchtigkeit, denn der Herr gibt und nimmt. Die Leutseligen waren beliebter als die verschrobenen Stillen. Schaffen und Ausharren waren selbstverständliche Attribute, die den zähen Charakter auszeichneten. 

Fazit: Henning Sussebach ist den Spuren seiner Urgroßmutter gefolgt. Die wenigen Informationen, die er im Vorfeld zusammentragen konnte, halfen kaum bei der Rekonstruktion. Er vermutet viel, interpretiert und bewertet aus seiner heutigen Sicht. Ein objektives Bild ist ihm nicht möglich. Interessant finde ich seine Einschübe, die zeigen, was in dem entsprechenden Jahr bei Anna geschah, aber auch in der Welt. So zum Beispiel 1887:

  • Die Uraufführung Othellos in Mailand.
  • Nord- und Ostsee werden durch einen Kanal verbunden.
  • Der Eiffelturm entsteht.
  • Ein holländischer Maler zieht nach Frankreich.
  • Die Schweizer entwickeln die Würze Maggi.

Und so ist dem Autor eben nicht nur die Wiedererweckung Annas, sondern auch ein Zeitzeugnis gelungen. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte Annas auch runtergezogen hat. Es war kein Vergnügen, in diesen Zeiten als Mädchen geboren worden zu sein, eher ein Überlebenskampf. Auch die Verluste, die Anna hinnehmen musste, die Schrecken des 1. Weltkriegs, das hat mich alles ganz schön niedergeschlagen. Meine Empfehlung für alle Leser*innen, die sich für Historien interessieren

Der Autor: Henning Sußebach, Jahrgang 1972, ist Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT. Für seine Reportagen wurde er mit einigen der wichtigsten deutschen Journalistenpreise ausgezeichnet, darunter: der Deutsche Reporterpreis, der Theodor-Wolff-Preis, der Henri-Nannen- Preis und der Egon Erwin Kisch-Preis.

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