Rezensionen Briefe von Morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten

Briefe von Morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten von Timur Vermes

Autor: Timur Vermes, Genre: Gegenwartsliteratur, Verlag: Eichborn, Bastei Lübbe, ISBN: 978-3-8479-0201-0, 1. Auflage 2025, 190 Seiten, Preis Hardcover €22,00

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Leben wir schon in der Hölle? Oder kommt die erst noch?
In einer nicht allzu fernen Zukunft ist alles kostenlos … aber nicht umsonst. Künstliche Intelligenz treibt uns in den Wahnsinn, und man kann sie noch nicht einmal richtig anschreien. Das neue große Ding sind Tattooentfernungen. Der Pflegenotstand wurde durch Roboter behoben, aber irgendwie hatten sich das alle anders vorgestellt. Und Attila Hildmann würde gern wieder nach Deutschland zurück, aber Alice Weidel ist in ihrer Regierungs-AfD in Ungnade gefallen …
Timur Vermes präsentiert Briefe und andere Dokumente aus der Zukunft, die unserer Gegenwart den Spiegel vorhalten. Ein schwarzhumoriges Vexierspiel, bei dem einem mitunter das Lachen im Halse steckenbleibt. Unnachahmlich bissig und böse! (Klappentext)

Ein Brief an Friedrich Merz vom 02.02.2024 zeigt, wie die Christdemokraten der AFD den Weg in den Bundestag geebnet haben. Der Autor fordert Merz auf, diesen Brief erst in zwei bis drei Jahren zu lesen, um heute nicht behaupten zu können, das werde nicht passieren. Die Fraktionsangehörigen der Union seien dann schon ohne Arbeit und die AFD habe das Ruder übernommen, ohne große Dankbarkeit zu zeigen und so sei das übrigens damals auch gewesen. Keine Dankbarkeit für die Schützenhelfer

Weiter geht es mit einer Stellungnahme im Schadensfall eines Pflegeroboters. Die Angehörige einer Bewohnerin des Pflegeheims nimmt Stellung, warum sie einen der Roboter angegriffen hat. Sie hatte sich unlängst geärgert, dass die Dinger keinen Dialekt sprechen und aus dem gewünschten zusätzlichen „Gniedla“, dem Kartoffelklößchen, ein unfreiwilliger Knieverband werde. Die Angehörige weiß, dass die künstliche Intelligenz entwicklungsfähig ist, doch stehe sie der natürlichen Demenz der Bewohner teils hilflos gegenüber. Und das Pflegepersonal besteht jetzt zu 95 Prozent aus Technikpersonal. Und als die Blase ihrer Mutter bei ihrem letzten Besuch drängte, versuchte sie einen der Roboter zu bewegen, ihr zu helfen, denn die Mutter sei so schamhaft und wie sie ihr aus dem Rollstuhl helfen sollte, wusste sie auch nicht. Und auf der Suche nach dem zuständigen elektronischen Mitarbeiter sei es dann passiert. Die Mutter hat eingenässt und sich geschämt und alle rollten verströstend an ihr vorbei, bis ihr dann der Faden riss. Gut, im Nachhinein hatte sie gehört, dass es diverse Apps gebe, die die Roboter durch Aktivierung anwiesen, ihre Familienangehörigen bevorzugt zu behandeln.

Ich lese von der Augenoperation, nach der es völlig kostenlos die Witness-Linsen on top gibt, die ausschließlich werbefinanziert sind. Es reicht dreißig Minuten pro Tag in den Konsum dieser Werbung zu investieren und schult außerdem die Sehfähigkeit.

Fazit: Timur Vermes präsentiert uns Briefe, Verträge, E-Mails, Werbung und Aufsätze aus der nahen Zukunft. Mit viel Zynismus, aber auch Fantasie geschriebene Versionen einer neuen Zeit, die gar nicht so abwegig scheint. Künstliche Intelligenz versus Pflegenotstand. Künstliche Intelligenz bei der Hotline, die den Fragenden zur Weißglut bringt. Der Autor zeigt seine Wahrnehmung und vielleicht Befürchtungen in bissig sarkastischer Manier. Und es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen. Fast Science Fiction in amüsant, statt dystopisch. Tja, und tatsächlich holt uns die Vorstellung des Autors auch schon ein, siehe Friedrich Merz vor wenigen Tagen im Deutschen Bundestag und die ausgelassene Freude der Alternative für Deutschland. Ich muss gestehen, dass ich einige Texte recht ermüdend fand, das ist aber meine persönliche Meinung und tut dem Schabernack von Timur Vermes insgesamt keinen Abbruch. 

Der Autor: Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Ungarn geboren. Er studierte in Erlangen Geschichte und Politik und arbeitete anschließend als Journalist und Ghostwriter. Er schrieb bis 2001 für die Abendzeitung und den Kölner Express und später für mehrere Magazine. Sein 2012 erschienener Roman Er ist wieder da ist eines der erfolgreichsten deutschen Debüts der letzten Jahrzehnte. Es verkaufte sich mehrere Millionen Mal, wurde fürs Kino verfilmt und in Dutzende Sprachen übersetzt. Timur Vermes‘ zweiter Roman Die Hungrigen und die Satten stieg 2018 auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste ein.

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