Von hier aus weiter von Susann Pásztor
Autorin: Susann Pásztor, Genre: Literarische Fiktion, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-00568-4, 1. Auflage 2025, 253 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Nach dreißig Jahren Ehe ist Marlene plötzlich Witwe. Einsam und perspektivlos sitzt sie in ihrem großen leeren Haus und verweigert jegliche Unterstützung, ignoriert die Anrufe ihrer Freundin und plant stattdessen ihren Suizid. Bis eines Tages ein unerwarteter Besucher vor der Tür steht – und nicht nur er bringt ihre Pläne gehörig durcheinander. Susann Pásztors neuer Roman erzählt mit feinem Witz und berührender Tiefe eine große Geschichte von einer Frau, die sich und ihr Leben neu erfinden muss. Nach Rolfs Tod schleppt sich Marlene mithilfe von Beruhigungsmitteln durch ihren Alltag als Hinterbliebene und sieht als einzigen Ausweg ihr eigenes baldiges Abtreten. Erst als Klempner Jack, ihr ehemaliger Schüler, auftaucht und kurzerhand bei ihr einzieht, kommt Bewegung in ihr Leben: Jack entpuppt sich nicht nur als fantastischer Koch, sondern auch als einfühlsamer und aufmerksamer Mitbewohner. Aber warum Marlene nicht trauert, sondern vor allem wütend ist, kann auch er nicht so ganz begreifen. Während sich zwischen Jack und Marlenes Hausärztin Ida eine zarte Liebe anbahnt, taucht bei Marlenes Freundin Wally in Wien ein Brief von Rolf auf, der möglichweise die Antwort auf alle offenen Fragen enthält. Gemeinsam mit Jack und Ida macht Marlene sich auf eine Reise, die völlig anders verläuft als erwartet. (Klappentext)
Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. Vor fünf Jahren hatte die resolute Ida Polanski Rolfs Arztpraxis übernommen und wurde ihm eine Vertraute.
Rolfs und Marlenes Plan gab vor, gemeinsam zu gehen, doch dann war Marlene mit starken Kopfschmerzen neben ihrem leblosen Mann erwacht. Er hinterließ ihr das große Haus, eine gehörige Portion Wut und einen ganzen Schrank voller Sedativa.
Es dauerte nie länger als zwanzig Minuten, bis die Wirkung einsetzte, dieses wattige Rauschen, das ihre Gedanken auseinandertrieb und alles, was zuvor streng und unbarmherzig war, in breiweiche Belanglosigkeit verwandelte. S. 20
Die Beisetzung ist für Marlene eine Tortur, die sie schnell hinter sich bringen will. Rolfs drei Söhne aus erster Ehe und deren sechzehn Enkel haben sich um die angemessene Verabschiedung gekümmert. Die Kinder, von denen sie namentlich drei benennen kann, was die schwarzen Kostümchen, die sie wie Krähen erscheinen lassen, erschweren. Marlene hatte sich nie etwas aus Familienfeiern gemacht.
Wieder zu Hause angekommen empfängt Marlene den Klempner, den sie wegen ihrer Duscharmatur gerufen hatte und der entpuppt sich als einer ihrer ehemaligen Grundschüler, aber nicht nur das.
Fazit: Susann Pásztor hat eine skurrile Geschichte erzählt. Die Protagonistin lebte ihr Leben eher vor sich hin, als dass sie es gefeiert hätte. Deshalb fiel ihr der Gedanke, zusammen mit ihrem Mann aus dem Leben zu scheiden, gar nicht schwer. Sie hat keine eigenen Kinder und zu denen ihres Mannes keinen Bezug. Sie ist wütend, als sie erfährt, dass ihr absichtlich kein Freitod vergönnt war und hadert weiterhin mit ihrem Dasein. Im Laufe der Geschichte drängen sich verschiedene Menschen in ihre Existenz, die sie zum Weiterleben motivieren wollen. Die Autorin erzählt humorvoll und umschifft die harten Fakten einer Frau, die schon während ihrer Ehe einsam war und sich fremdbestimmt fühlte. Die Gefahr, dass die Geschichte ins Oberflächliche, Belanglose rutscht, ist vorhanden und hat mich Mitte des Buches eingenommen. Ich habe mich aber durch die Situationskomik amüsant unterhalten gefühlt. Tja, und müssen schwierige Lebensumstände auch immer schwerwiegend verhandelt werden? Ich denke nein. Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen.
Die Autorin: Susann Pásztor, 1957 in Soltau geboren, lebt in Berlin und hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht. Ihr Bestseller ‚Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster‘ wurde 2018 mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet und für die ARD verfilmt.