Übertretung von Louise Kennedy
Autorin: Louise Kennedy, Genre: Historische Fiktion, Verlag: Steidl, ISBN: 978-3-96999-259-3, 2. Auflage 2023, 306 Seiten, Preis Hardcover €25,00
Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
Jeden Tag, während Cushla Lavery ihrer alkoholkranken Mutter das Frühstück macht, sich im Garten mit dem Nachbarn unterhält, ihre Grundschüler unterrichtet oder in der Bar ihrer Familie aushilft, werden die Toten und die Verletzten gezählt. Es ist 1975, und in Belfast eskaliert der Bürgerkrieg. Die katholischen Laverys betreiben ihren Pub in einer überwiegend protestantischen Vorstadt. Sie müssen vorsichtig sein – ein falsches Wort, schon findet man sich auf einer Todesliste wieder. In diesem »Höllenloch« gibt es vieles, was man besser nicht tut. Sich in einen verheirateten Mann verlieben, der nicht nur ein wohlhabender, angesehener Prozessanwalt ist, sondern auch noch Protestant. Sich einmischen, wenn ein Schüler schikaniert und sein Vater fast totgeprügelt wird. Gegen jede Vernunft beginnt Cushla eine leidenschaftliche Affäre mit dem deutlich älteren Michael Agnew, gegen jede Vernunft setzt sie sich für den kleinen Davy ein – und bezahlt einen hohen Preis.
Louise Kennedys international gefeierter Roman erzählt von einer tief gespaltenen Gesellschaft, von einem Konflikt, dessen Wunden bis heute nicht geheilt sind, von Menschen, die versuchen, inmitten täglich stattfindender Gewalt ein normales Leben zu führen. Ein herzzerreißendes, bittersüßes, unvergessliches Buch. (Klappentext)
Cushla bereitet ihrer Mutter ein Tablett mit Toast und Tee. Während sie zwei Eier in die Pfanne schlägt, sieht sie den Verwaltungsangestellten, der in Wirklichkeit Gefängniswärter ist, von Gegenüber. Er tritt aus der Haustüre, lässt sich auf den Boden fallen, schaut unter sein Auto, findet keine Bombe. Neben seiner Haustüre hat sich jemand mit der Spraydose verewigt: Taigs raus!
Am Abend will Cushla ihrem Bruder im Pub helfen, aber als sie aus der Schule nach Hause kommt, liegt ihre Mutter bewusstlos vor der Toilettenschüssel. Es dauert, bis Cushla Gina wieder zu sich geholt, sie geduscht und zu Bett gebracht hat. Eamonn ist stinksauer.
Ihr Arbeitskollege Gerry, der die Parallelklasse unterrichtet, lädt Cushla ins Kino ein. Auf dem Weg werden sie von einer Streife angehalten. Während man Gerry den Gewehrkolben ins Kreuz stößt, stellt ein anderer Cushla aufdringliche Fragen: „Ach so, du willst deinen Freund hier scharf machen und ihn dann nicht ranlassen?“
Im Pub lernt die 24 jährige Cushla, den deutlich älteren Michael kennen, der ihr Avancen macht. Sie verliebt sich in ihn und trifft ihn heimlich, ohne zu ahnen, worauf sie sich einlässt.
Fazit: Zu der Zeit, als die IRA anfing Nordirland zu terrorisieren, war ich gerade sechs Jahre alt. Der Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten ging bis Ende der Neunziger Jahre. Während ich mit dem Erwachsenwerden, dem kalten Krieg und unserer RAF beschäftigt war, ist die Tragik in Irland fast unbemerkt an mir vorbeigezogen. Auch deshalb bin ich sehr froh, dass der Steidl Verlag mich mit dem Cover und dem Klappentext so angesprochen hat, dass ich das Buch lesen wollte. Die Geschichte ist spannend und schnörkellos erzählt. Fast alle Protagonisten und Nebendarsteller haben Kummer und daher, ein mehr oder weniger großes Alkoholproblem. Willkür und Gewalt beherrschen jeden. Alle sind auf der Hut, um ja nicht zur Zielscheibe zu werden. Cushla muss sich von ihrem Bruder bevormunden lassen, weil sie ihr Leben integer lebt und ihre eigenen Entscheidungen trifft. Das wiederum führt zu Anfeindungen gegen Eamonn, Drohungen und Umsatzeinbußen. Jedes Verhalten will gut überlegt sein, jeder Schritt hat eine mögliche Konsequenz. Als Leserin ist mir zwischenzeitlich, wegen der Ungerechtigkeiten, die Galle hochgekommen. Louise Kennedy hat mich bewegt, hat mich mitfühlen lassen. Mich in eine Zeit versetzt, die ein Volk zunächst gespalten und dann traumatisiert hat. Eine klare Leseempfehlung!
Die Autorin: Louise Kennedy wuchs in der Nähe von Belfast auf. Bevor sie mit dem Schreiben begann, arbeitete sie fast dreißig Jahre lang als Köchin in Irland und Beirut. 2021 erschien von ihr ein Band mit Short Stories The End of the World is a Cul de Sac, das von der Presse enthusiastisch aufgenommen wurde (u.a. war es Sunday Times Book of the Year) und die Autorin mit einem Schlag in der englischsprachigen Welt bekannt machte. Übertretung (»Trespasses«) ist ihr erster Roman.
Claudia Glenewinkel, geboren 1963, studierte Germanistik, französische Literatur und Politikwissenschaften in Göttingen und Literaturvermittlung und Medienpraxis in Essen. Sie ist Lektorin im Steidl Verlag und verantwortet die fremdsprachige Literatur. Zuletzt hat sie, gemeinsam mit Hans-Christian Oeser, von Sebastian Barry Annie Dunne (2021) übersetzt.
Hans-Christian Oeser, 1950 in Wiesbaden geboren, lebt in Dublin und Berlin und arbeitet als Literaturübersetzer, Herausgeber und Autor. Er hat u.a. John McGahern, Mark Twain, Ian McEwan, F. Scott Fitzgerald, Anne Enright, Maeve Brennan, Claire Keegan und Sebastian Barry übersetzt. Für sein Lebenswerk wurde er 2010 mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt- Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt er den Straelener Übersetzerpreis der Kulturstiftung NRW.