Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen von Anna Brüggemann
Autorin: Anna Brüggemann, Genre: Fiktion, Verlag: Ullstein, ISBN: 978-3-550-20221-6, 1. Auflage 2024, 383 Seiten, Preis Hardcover €22,99
Warum darf eine Tochter nicht glücklicher sein als ihre Mutter?
Regina ist eine typische Vertreterin der Nachkriegsgeneration, sie hatte bereits viele Möglichkeiten, sie konnte Psychologie studieren und von einer akademischen Laufbahn träumen, um dann doch der Familie zuliebe Abstriche zu machen. In ihre Töchter Antonia und Wanda setzt sie nun alle Hoffnungen. Antonia unterläuft diese konsequent, bricht ihr Studium ab und wird alleinerziehende Mutter. Wanda erfüllt alle in sie gesetzten Wünsche und manövriert-sich in eine Essstörung, die von allen ignoriert wird. Ein Leben lang schwanken die Schwestern zwischen gegenseitiger Konkurrenz, Autonomie und dem Wunsch, noch über deren Tod hinaus von der Mutter anerkannt zu werden. (Klappentext)
1998 ist Regina einundfünfzig. Sie hat für ihre Töchter alle Träume aufgegeben, hat auf eine akademische Laufbahn verzichtet. Es grämt sie nachhaltig, dass ihre Eltern ihr, trotz der Intelligenz nach dem Abitur keine Unterstützung haben zukommen lassen. Nachdem sie als junge Frau herbe Rückschläge und Enttäuschungen mit Männern hinnehmen musste heiratete sie Edgar, seiner Ruhe, Zuverlässigkeit und Langweiligkeit wegen. Regina hat große Pläne für ihre Töchter. Sie ist sicher, dass beide erfolgreich studieren werden. Welche junge Frau wollte das heutzutage nicht, wenn sie es könnte?
Bei der Abi-Abschlussfeier ihrer älteren Tochter Antonia spielt diese ein Querflötensolo. Leider merkt Regina nicht, dass sie es seit Jahren übt und blickt betreten zu Boden. Edgar neben ihr wippt mit dem Fuß. Im Foyer bestaunt Regina die alabasterfarbene Haut Antonias, ihren schlanken aber weichen Körper. Sie ist nicht wie ihre sportliche Schwester Wanda, die ganz klar nach Regina kommt. Sie treffen auf die Berufskollegin Giselle, Professorin der Psychologie, die ihr in schlecht sitzendem Anzug eine frei gewordene Dozentur ans Herz legt. Als Regina zu Edgar ins Auto steigt schäumt sie vor Wut, sie fühlt sich von Giselle verhöhnt, denn die wisse genau, dass die Stelle ein Studium voraussetzt.
Wanda will im Gegensatz zu ihrer Schwester in allem die Beste sein. Tennis, Jazzdance, kaum Alkohol, kein Nikotin helfen ihr dabei, Regina zu gefallen. Seit ihre Mutter andere Frauen im Schwimmbad als Schlachtrösser bezeichnet, isst Wanda so wenig wie möglich. Ein Blick von ihrem Freund, den sie nicht zu deuten weiß, reicht aus damit sie sich dick fühlt.
Fazit: Anna Brüggemann erzählt mit feinsinnigem Gespür die innerfamiliäre Dynamik. Regina, die glaubt in allem zu kurz gekommen zu sein. Sie überträgt ihren Mangel an Liebe und Wertschätzung auf die Töchter, deren Selbstbild rissig wird. Die Autorin zeigt mir Reginas exorbitante Erwartungen und den Hochmut, indem sie mir ihre Gedanken zeigt. Dabei entsteht das Bild eines Charakters, der mehr als unangenehm ist. Sie ereifert sich bissig über ihre Mitmenschen und zeigt sich verbal übergriffig gegen ihre Töchter. Das Buch schildert die Thematik des weiblichen Narzissmus mit Bravour. Die Lieblosigkeit, befeuert durch das beißende Gefühl, nie das zu bekommen, was einem zusteht ist unter Frauen der Nachkriegsgeneration weit verbreitet und prägt die folgende Generation. Deshalb bin ich froh, dass die Autorin die Mechanismen so brillant aufzeigt. Der Leidensdruck aller Beteiligten ist riesig und darüber muss man sprechen. Ein großartiges Buch, das mich von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen hat. Bleibt nur zu wünschen, dass viele, die unter ihren Müttern leiden, dieses Buch -trotz des sperrigen Titels- finden werden.
Die Autorin: Anna Brüggemann, 1981 geboren, wuchs in Südafrika, Stuttgart und Regensburg auf. 1996 stand sie erstmals vor der Kamera, seit 2004 schreibt sie Drehbücher. 2014 gewann sie zusammen mit ihrem Bruder den silbernen Bären, ihr literarisches Debüt Trennungsroman wurde 2021 mit dem Debütpreis der lit.cologne ausgezeichnet.