Mein Leben mit Autismus

Autismustagebuch

Paralyse

Da war dieser Abend, an den ich mich gut erinnere:

Ich stehe in der Küche und füttere die Hunde. Die beiden irischen Wolfshunde sind im Wohnzimmer, damit der weiße Schäferhund in Ruhe fressen kann. Die Wolfshunde schlagen an. Mein Herz steht einen Moment. Mein Kopf spricht:

„Habe ich den Haustürschlüssel stecken lassen? Verschafft sich jemand Zutritt?

Dröhnen in den Ohren. Der Schäferhund rennt in den Flur, bellt. Ich trete aus mir heraus und stehe seitlich hinter mir, sehe mich, wie in Stein gemeißelt, riesige Augen, offener Mund. Ich weiß, dass ich sterben werde, jetzt gleich.

Ein Kopf erscheint in meinem Tunnelblick, hämisch grinsende Fratze, dann Schulter, Oberkörper, Beine. Ich schüttele langsam den Kopf, kann nicht sprechen, keine Hand heben. Das Grinsen erlischt, ich erkenne ihn. Es ist Ulf. 

Ich fluche innerlich, könnte ihm mit der Faust ins Gesicht schlagen. Wie oft habe ich ihm schon erklärt, dass ich solche Überraschungen hasse. Er versteht es nicht. Ich stammele unzusammenhängende Worte, muss raus aus der Situation, gehe duschen.

Später setze ich mich zu ihm auf die Terrasse und will mein Verhalten erklären, aber er hört nicht zu, unterstellt mir, ich wolle nicht, dass er früher nach Hause käme. Als glaube er, ich bräuchte Zeit, um meinen Liebhaber im Schrank zu verstecken.

Es dauerte frustrierende Wochen, bis er mir endlich zuhörte, mir die Chance gab zu erklären, was in mir vorging, wenn er mich triggerte.

Aus meinem Buch Mutterkuchen

Du magst vielleicht auch

Kommentar verfassen