Mein Leben mit Autismus

Autismustagebuch

Insuffizienzen

Durchlässigkeit

Ich höre selten Musik, bei mir ist es den ganzen Tag still. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich ein paar Autos unten vorbeifahren. Eine Standuhr tickt, ein Hund liegt vor meinem Schreibtisch und atmet tief ein und wieder aus. Ein anderer bellt im Traum und schlägt mit der Rute auf den Teppich. Unten im Hausflur hat eine Kaminuhr einmal geschlagen, es ist halb eins. 

Ich kann Musik nicht nebenbei hören. Sie weckt Erinnerungen und Gefühle, die mich beschäftigen und runterziehen können. In meiner Welt gibt es keine Abgrenzung. Alles sickert ungefragt in mich hinein und beeinflusst meine Stimmung. Es ist, als würden verschiedene Energien in mich strömen, mein Herz anstoßen, meine Lunge auseinanderziehen und zusammendrücken, meinen Magen Achterbahn fahren und meine Amygdala durch mein Stammhirn hüpfen lassen. Und als hätte das alles gar nichts mit mir zu tun, als wäre ich der Ball in einem Volleyballspiel.

Taktgefühl gleich Null

Ich stochere in anderer Leute Leben herum, wie ein Gockel in seinem Gehege. Wenn ich genug Probleme analysiert habe, klettere ich auf meinen Misthaufen und krähe meine Wahrheiten hinaus. Ich glaube, de*m anderen damit einen Gefallen zu tun. Nicht selten wird mir aber aus einem der oberen Stockwerke ein Blumentopf entgegengeschleudert, der mich gackernd auffliegen lässt. Danach stehe ich da und blicke gesenkten Hauptes zwischen Fenster und Tonscherben hin und her, verstehe das als persönlichen Angriff auf meine Integrität und bin verletzt. Mir fällt es schwer zu verstehen, dass Menschen eigenständige Individuen sind, die nicht möchten, dass ich in jeder ihrer Wunden rumpule.

Aus meinem Buch Mutterkuchen

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