Autismustagebuch
Und dann noch die Hormone
Während der Ausbildung zur Heilpraktikerin ging meine Schilddrüse in den Stand-by-Modus. Kein Arzt konnte meinen Beschwerdekatalog zuordnen. Nach Jahren fand ich eine Internistin, die mir trotz normaler Werte Schilddrüsenhormone verschrieb, so dass mein kleines Schmetterlingsorgan mir wieder freundlich gesonnen war. Irgendwo zwischen dem Gefühl ausgebrannt zu sein und der Genesung verließen mich nach und nach Östrogen, Gestagen und Testosteron.
Mit dem Schwinden dieser Dreifaltigkeit, kamen Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen, Wut und Traurigkeit. Meine unberechenbaren Stimmungswechsel versetzten unser gesamtes Zuhause in Aufruhr. Während die Hunde lernten mir aus dem Weg zu gehen, erwischte ich Ulf am Abend, mit voller Breitseite. Ich war regelrecht auf der Suche nach Streit und hatte mir eine ausgefeilte Fragetaktik angewöhnt: „Wie meinste das? Aha, du meinst also …“. Damit drängte ich ihn in die Enge, wie ein Reiter seinen Gaul in den verhassten Transporter. Erst Ulfs Bemerkung: „Jetzt steigerst du dich wieder rein“ rüttelte mich wach. Ich begriff, was ich tat, und konnte damit aufhören. Mittlerweile sind wir so eng wie Frida Kahlo und Diego Rivera. Wir sehen über die Schwächen des anderen hinweg und erfreuen uns an den Stärken.
Die schönsten Momente meines Lebens treffen mich unerwartet. Sobald Ulf seine Lieblingseissorte im Kühlfach entdeckt, hüpft er auf der Stelle und lässt Hochrufe durch die Küche schallen. Dann zeigt er mir den strahlenden kleinen Jungen, der in ihm wohnt. Ich weiß, dass niemand außer mir diesen süßen Fratz kennt. In solchen Momenten ist er so wunderschön und meine Zuneigung so tief, dass ich ihn mir einverleiben möchte. Um mein Wohlwollen in sinnvolle Kanäle zu leiten, umarme ich ihn und schmatze ihm lauter Küsse ins Gesicht.
Auch wenn einer unserer perfekt gestalteten Hunde vor mir sitzt und mich mit diesem hingebungsvollen Blick ansieht, werde ich von einem Schuss Oxytocin geflutet, der mir kurz den Atem raubt.
Es ist die Echtheit, die ich glauben kann, die diese wellenförmigen Bewegungen in mir erzeugt und mir Glücksgefühle schenkt. Die Wunder, die ich wahrnehme, wenn ich ganz still und passiv bin. Wenn ich mein Ego im Keller unseres Hauses vergessen habe, das verzweifelt gegen die Tür hämmert, um mich wieder in Besitz zu nehmen.