Als wir im Schnee Blumen pflückten von Tina Harnesk
Máriddja ist im Krankenhaus. Ihre Schmerzen im Bauch ließen sie die Ärztin aufsuchen, die sie nach der Untersuchung, mit ihren Reptilienaugenbrauen, mitleidig ansieht. Das Fräulein Doktor will Máriddja überreden sich helfen zu lassen. Sie solle ihr Haus in Nordschweden verlassen, um in ein Heim für Alte zu gehen. weiterlesen
Ein anderes Leben von Caroline Peters
Sie hat die Beerdigung ihres Vaters Bow organisiert. Sie, das ist die jüngste Tochter Hannas. Sie steht zwischen ihren Schwestern Laura und Lotte. Hinter ihnen stehen Lauras Vater Klaus und Lottas Vater Roberto. Hanna liegt am Boden der Ostsee, sie ist schon vorgegangen. Die Schwestern konnten Hannas Wunsch, ihre Asche mit Bleikugeln im Meer zu versenken in keinster Weise vertreten, also hat die Jüngste es heimlich gemacht. Die, die ihre Mutter am wenigsten akzeptierte hat ihr dennoch diesen letzten Wunsch erfüllt. weiterlesen
Vaters Stimme von Tanja Schwarz
Nina, Ende vierzig, hat sich von Ron getrennt. Außerdem ließ sie ihren gemeinsamen Sohn Lenny bei Ron. Diese Entscheidung bricht ihr spätestens jedes zweite Wochenende das Herz, wenn sie Lenny bei sich hat, manchmal auch jedes dritte, wenn Lenny krank ist oder eine Pyjamafeier auf ihn wartet. Es passiert zuweilen auch, dass sie ihn nur einmal im Monat sieht, wenn sie verreisen muss. Sie wollte Lenny nicht aus seiner gewohnten Umgebung reißen und Ron hat ja auch eine Tochter aus erster Ehe. weiterlesen
Die Nacht der Bärin von Kira Mohn
Jule ist sechsundzwanzig, als sie sich auf dem Wohnzimmerboden wiederfindet. Der Streit mit Jasper begann mit ihren Überstunden in der Agentur. Er warf ihr vor, eine Affäre zu haben. Sie schrie ihn an, er stieß sie zu Boden und trat nach ihr. Jule weiß, dass sie gehen muss. weiterlesen
Wild wuchern von Katharina Köller
Marie hat ihn blutend zurückgelassen. Sie hat auf die Schnelle wenige Sachen in ihren Rucksack gestopft und ist zum Bahnhof gefahren. Zuerst wollte sie nach Italien, aber da hat er sie schon dreimal gefunden, obwohl sie immer an anderen Orten war. Dann steigt sie in den Zug, der vor ihr steht und das ist ein Glück, denn jetzt ist sie auf dem Weg zu Johanna. Da kann er sie nicht vermuten, denn er weiß nichts von Johanna. weiterlesen
In ihrem Haus von Yael van der Wouden
Isabel hat im Garten gegraben und eine Porzellanscherbe gefunden. Sie sieht aus wie ein Stück des teuren Services, das sie wie einen Schatz in der Vitrine hütet. Sie weiß, dass es vollzählig ist. Sie ist Ende zwanzig und hat vor einem Jahr ihre Mutter beim Sterben begleitet. Jetzt lebt sie allein in dem großen Haus. Ihre einzigen Kontakte sind die selten gewordenen Abendessen mit ihren Brüdern Hendrik und Louis, ihrer Haushaltshilfe Neelke und dem Nachbarn Johan, der ihr aufdringliche Avancen macht. weiterlesen
Woran ich lieber nicht denke von Jente Posthuma
Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. Dann ließ sie Wasser in seinen Mund laufen, in einem feinen Rinnsal. Er hielt nicht lange aus, dann fesselte sie seine Hände und er bat sie aufzuhören. weiterlesen
Wie du mich ansiehst von Eva Lohmann
Johanna sieht ihrer Tochter dabei zu, wie sie sich für eine Party schminkt. Sie erinnert sich zurück, als sie der zweijährigen Rosa das Zähneputzen beibrachte und sie dazu einfach ins Waschbecken setzen konnte. Oder wie sie sich beide mit der Kinderschminke Schmetterlinge ins Gesicht gemalt haben. Sie hatte Rosa immer die Zöpfe geflochten, bis auf einmal, da hat es die neue Kindergärtnerin gemacht und Rosa wollte sie sich partout nicht wieder lösen lassen. weiterlesen
Die Summe unserer Teile von Paola Lopez
Nur noch ein Tag bis Semesterende und Lucy ist aufgedreht. Phil will ihr in den nächsten Tagen die Berliner Seenlandschaften zeigen. Weg von den Spielen, die sie programmieren wollen. Sie hüpft die Stufen des Berliner Altbauflurs hinauf in die Wohnung, die sie sich mit Oliver teilt. Als sie die Tür ihres Zimmers öffnet, vergeht ihre gute Laune sofort. weiterlesen
Die erste halbe Stunde im Paradies von Janine Adomeit
Anne ist Anfang dreißig und arbeitet als Pharmavertreterin. Angefangen hat sie mit Hustensaft und sich mittlerweile zu Psychopharmaka hochgearbeitet Diazepam ist nach wie vor das Mittel zur Wahl und wird entsprechend oft verordnet. Anne hält sich für eine Benzodiazepinkoryphäe. weiterlesen
Die Frauen hinter der Tür von Roddy Doyle
Nicola hat ihr Tee besorgt. Sie trinkt ihn selten, bereitet ihn aber zu. Besser eine Tasse als ein Glas in der Hand. Obwohl, früher hätte sie ihren Gin oder Wodka auch aus dem Kohleeimer gesoffen. Es waren nicht immer Gläser zu finden, aber das hat sie nicht abgehalten. weiterlesen
Vogelkind von Anne Enright
Mit zweiundzwanzig war Nell zum ersten Mal so richtig verknallt. Sie wusste so vieles vom Leben, wie man feiert, isst, sich betrinkt, das Liebemachen genießt. Sie konnte tanzen, es ein bisschen übertreiben. Körperlich setzten ihr die Männer zu, emotional eher die Frauen. weiterlesen
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten von Anna Maschik
Almas Urgroßmutter Henrike wird 1901 als Bauerntochter in einem Dorf an der Nordsee geboren. Sie ist die Erstgeborene, ihr folgen weitere drei Brüder. Im Frühjahr hilft sie den Eltern bei der Aussaat, im Sommer bei der Heumahd, im Herbst bei der Kartoffelernte und im Winter geht sie zur Schule. weiterlesen
Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte
Motte hat viel von ihrer Mutter gelernt: Männer, die Schnaps trinken, werden aggressiv und Biertrinker plaudern gern Geheimnisse aus. Eine Frau sollte immer Fluchtgeld gebunkert haben, in einem alten Stiefel im Schrank oder in einer Dose im Gefrierfach, auf der Linsensuppe steht. Sie sollte jederzeit die Kinder nehmen und abhauen können. weiterlesen
Blinde Geister von Lina Schwenk
Karl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem Teppich, halb auf den Dielen, will sich zu ihr umdrehen, aber die Hüfte bremst ihn. weiterlesen
Hohle Räume von Nora Schramm
Am Bahnsteig Stuttgart läuft Helene die Treppen hinab. In der Wartezone sieht sie die Eltern. Der Vater kauert auf dem Boden, bindet erst den Schnürsenkel seines rechten Schuhs, dann den linken. Vermutlich hat er die Schnüre kurz zuvor gelöst, Untätigkeit liegt ihm nicht. Die Mutter starrt auf die Ankunftstafel. Klein sieht sie aus, die immer noch schönen Haare kastanienrot gefärbt. Helene zieht ihren Koffer hinter sich her und tritt ins Bild. weiterlesen
Hohlräume von Peter Zimmermann
Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, das er seinem Sohn gestohlen hat. Diese Entspannungstechnik hat er von Laura. weiterlesen
Die Namen von Flerence Knapp
Der Name des Sohnes hat den Vater zu ehren, deshalb soll Coras Sohn jetzt wie sein Vater Gordon Atkin heißen. Sie hätte ihn lieber Julian genannt, was Himmelsvater bedeutet und ihr mehr als genug der Ehrerbietung wäre, aber das transgenerative Familientribunal hat entschieden. weiterlesen
Unser Haus mit Rutsche von Safia Al Bagdadi
Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft von einem manischen Höhenflug aus, in die tiefe Schlucht, in die sie hinabgeglitten war, doch es war zu spät. weiterlesen
Parasiti von Alisha Gamisch
Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, daneben ein streichholzkleines Plastiketwas mit einem winzigen Püppchen darin, dass den Daumen in den Mund gesteckt hat. weiterlesen