Rezensionen Ungefähre Tage

Ungefähre Tage von Annika Domainko

Autorin: Annika Domainko, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: C.H. Beck, ISBN: 978-3-406-78155-1, 1. Auflage 01/2022, 222 Seiten, Preis Hardcover €23,00

Debütroman

Werbelink*
Werbelink*
Werbelink*

EIN ROMAN ÜBER MACHTMISSBRAUCH, MANIPULATION UND DIE UNTIEFEN MENSCHLICHER ABGRÜNDE Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Grün als Pfleger auf der geschlossenen Station einer Psychiatrie. Manche Patienten kommen immer wieder, andere verschwinden, bevorer ihre Namen kennt. Aber sie fällt ihm auf. Wer ist diese Frau? Annika Domainko erzählt die aufwühlende Geschichte zweier haltloser Menschen, sie erzählt von der Angst vor dem Zusammenbruch, von Kontrollverlust und Macht. ‚Ungefähre Tage‘ ist ein Roman, der auf der Suche nach Gewissheit jede Sicherheit infrage stellt. Sie ist Patientin auf der geschlossenen Station einer Psychiatrie, leidet an Wahnvorstellungen, hört Stimmen, doch dann gibt es wieder diese Momente völliger Klarheit. Grün, der als Pfleger auf Station arbeitet, ist wie gebannt von dieser Frau. Durch sie scheint er seinen stumpfen Routinen zu entkommen und wagt es sogar, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Endlich kann er sprechen, von sich, von dem, wofür er zuvor keine Worte hatte. Und auch wenn der Halt, nach dem er greift, lose ist, könnte diese Frau doch seine Rettung bedeuten. Wäre es denn so fatal, sich näherzukommen? Und wie groß ist die Gefahr, in einem fremden Leben zu verschwinden? ‚Ungefähre Tage‘ ist das Psychogramm zweier Menschen im Ausnahmezustand. Wie unter einem Brennglas leuchtet diese Geschichte Machtmissbrauch, Manipulation und menschliche Abgründe aus. – Klug, fesselnd, verstörend – die Psychiatrie als Brennglas der Gesellschaft – Für die Leser:innen von Annie Ernaux, Angelika Klüssendorf, Antje Rávik Strubel oder Clemens J. Setz – Annika Domainko betreibt ein gekonntes Spiel mit der Wahrheit und lässt Grenzen auf raffinierte Weise verschwimmen (Klappentext)

Grün hatte ihren Schatten hinter der Milchglastür wahrgenommen, wie sie langsam in sich zusammengesackt war. Er drückte die Türe auf und schob sie ein wenig über den Linoleumboden. Dann kniete er sich neben sie, sprach sie an, klatschte ihr mit der flachen Hand leicht gegen die Wange, sie reagierte nicht. Er schob seine Arme unter ihren Körper, hob sie hoch und trug sie ins Behandlungszimmer. Ihre Haut war wärmer als er erwartet hätte. Als sie die Augen öffnete, fragte er sie nach ihrem Namen. Aus den Unterlagen erfuhr er, dass sie schon seit acht Tagen auf Station war, bisher war sie ihm nicht aufgefallen. 

Daniel Rothe, der persönliche Albtraum eines jeden Pflegers war zum 15. Mal hier. Nach seinen Aufenthalten kam er jedes Mal ins betreute Wohnen. Alle paar Monate haute er dann ab, setzte die Medikamente ab und wurde mit akuten Wahnvorstellungen von der Polizei zurückgebracht. Jetzt tobte Rothe in seinem Zimmer und schredderte das Nachtschränkchen, als Grün das Zimmer betrat. Er konnte das auf ihn zurollende Bett gerade abfangen. Kurz abgelenkt, sagte er dem Praktikanten, er solle Daniel holen, da fing er sich auch schon einen Fausthieb auf die Nase. Sie überwältigten Rothe schließlich zu dritt und jagten ihm Diazepam in den Muskel. 

Nach der Schicht stänkerte Josefine, er sei wieder zu spät. Ob sie nicht einmal pünktlich bei ihren Eltern sein könnten. Er schlug ihr vor, mit der Kleinen schon mal vorzufahren. Er käme nach, sobald er geduscht hätte. Vor dem Spiegel untersuchte er sein Nasenbein, das scheinbar nicht gebrochen war, nahm die Tamponade heraus, die Blutung hatte aufgehört. Das linke Unterlid schimmerte in Blautönen. Er dachte an sie, wie sie in seinen Armen lag, zuerst hatte sich ihr Körper versteift, doch gleich darauf wurde er weich, wie zum Beweis seines Vertrauens in ihn. 

Fazit: Annika Domainko hat mir in ihrem Debütroman einen Blick in die Mühlen der Psychiatrie geschenkt, der es in sich hat. Der Pfleger namens Grün, aus dessen Sicht die fiktive Geschichte erzählt ist, arbeitet nach einem verpassten Archäologiestudium seit zwanzig Jahren auf der Geschlossenen der Psychiatrie. Seine Frau Josefine ist Akademikerin, die gemeinsame Tochter noch klein. Die Familie seiner Frau verachtet ihn. Grün selbst hat „harte“ Zeiten hinter sich, dass es um seinen Selbstwert nicht bestens bestellt ist, verwundert kaum. Er findet in einer Patientin mit psychotischen Schüben eine Vertraute. Was mir an der Geschichte richtig gut gefällt, ist die Stimme und der Aufbau. Mir wird absolut plausibel, warum sich der Pfleger zu der Patientin mit der vulnerablen Persönlichkeit hingezogen fühlt. Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass es absolut falsch, ja verboten ist, das auszuleben. Das Machtgefälle wirkt gar nicht so groß, weil auch Grün angeschlagen ist, allerdings steht er auf der einen Seite der geschlossenen Tür und sie auf der anderen. Am Ende nimmt die Geschichte an Fahrt auf und dramatische Ausmaße an. Da ich ursprünglich selbst in der Psychiatrie gelernt habe, habe ich der Autorin jedes Wort geglaubt. Sie hat nichts beschönigt und nichts verschlimmert. Die Geschichte hätte exakt so passiert sein können. Von mir eine absolute Leseempfehlung für die großartige Umsetzung der Themen Machtmissbrauch und Manipulation. 

Die Autorin: Annika Domainko, geboren 1988, studierte Latinistik und Klassische Archäologie in Heidelberg und Cambridge. Seit 2018 arbeitet sie als Sachbuch-Lektorin im Hanser Verlag. „Ungefähre Tage“ ist ihr Debüt.

Du magst vielleicht auch

Kommentar verfassen