Die Routinen von Son Lewandowski
Autorin: Son Lewandowski, Genre: Coming -of- Age, Verlag: Klett-Cotta, ISBN: 978-3-608-96716-6, 1. Auflage 01/2026, 269 Seiten, Preis Hardcover €25,00
‚Die Geschichte einer Emanzipation – stark und unverwechselbar.‘ Anne Rabe Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf, jede Wiederholung. Und jede überschrittene Grenze nimmt Amik dafür hin. ‚Die Routinen‘ seziert eine Welt, von der jeder ahnt, dass sie hart ist, aber niemand sieht oder sehen will, wie ausbeutend ein System ist, auf dem so viel Glitzer und Glanzspray liegt. München. Montreal. Tokio. Wenn die olympischen Spiele anstehen, blickt die ganze Welt auf eine Stadt, auf eine Mannschaft, auf eine Leistungsturnerin. Die Mädchen und Frauen trainieren ihr gesamtes Leben auf diesen Moment hin. Aus diesem Wir der Turnerinnen, das in olympischen Jahren denkt, vom Training auf die Waage zu den Wettkämpfen gedrängt wird, entspringt ein Ich, die Turnerin Amik. Sie beugt sich den gnadenlosen Wettbewerbsprinzipien ihres Sports und mit jedem weiteren Schritt auf ein Siegerinnenpodest entfernt sie sich mehr von den Mädchen, die sie gestern noch getröstet haben. Auf kraftvolle Weise erzählt Son Lewandowski von Sport und Politik, von fragilen Beziehungen und den Grenzen des eigenen, alternden Körpers. Die Geschichten von berühmten Turnerinnen und der größte Missbrauchsskandal der Sportgeschichte werden in die Geschichte von Amik eingewebt und machen ‚Die Routinen‘ zu einer atemlosen Leseerfahrung. (Klappentext)
Die Übelkeit begann mit dem Sturz der anderen. Amik saß auf den Zuschauerrängen. Es war die erste Olympiade, die sie von außen sah. Der Trainer hatte entschieden, sie war nicht mehr dabei.
Sie hatte den Stufenbarren in ihrer Gewalt. Rhythmisch tanzte ihr Körper das obere Reck, umfing mit ihrem Können die Stange wie ein Klappmesser, drehte sich mehrfach um die eigene Achse, landete haargenau auf dem unteren Holm, Drehung, zog sich nach oben, holte Schwung und flog in hohem Bogen Richtung Hallenboden. Ihr Brustkorb landete auf der Kante des Sprungbretts, die Arme nach vorne ausgestreckt, die Beine nach hinten. Wie willenlos lag sie da.
Amik möchte über die Absperrung klettern, sich auf sie legen, ihre Schmerzen absorbieren, aber ihre Muskeln versagen. Sie blickt in das Publikum. Eltern die Fähnchen schwenken, applaudieren. Als sie wieder zu ihr blickt, ist sie verschwunden. Sie haben sie rausgetragen.
1968 war der Trainer Béla Károlyi durch die Klassen der Grundschulen geschwärmt und suchte die Mädchen mit den besten Koordinations- und Gleichgewichtsfähigkeiten. Sie mussten Rad schlagen. Und dann entdeckte er Nadia Comaneci unter 4.000 anderen Kindern.
Nach Montreal 1976 schrieben die Mädchen des Kaders an Nicolae Ceausescu, dass sie von einem anderen Trainer trainiert werden wollen. Sie möchten ihre Kindheit zurück, die der Mann ohne Seele ihnen Tag für Tag wegnimmt.
In alle Dinge, die uns umgeben, ist der Verzicht eingezogen. S. 83
Fazit: Die Autorin und Kuratorin Son Lewandowski hat gekonnt eine Geschichte erzählt, die an Tragik kaum zu überbieten ist. Der schwere Sturz einer sehr jungen Kollegin bewegt die zweiunddreißigjährige Amik, während der Olympiade in Antalya, auf ihr Leben zurückzublicken. In den folgenden Kapiteln nimmt die Protagonistin mich mit in die einzelnen Wettkämpfe und den Weg dorthin. Die rumänischen und russischen Mädchen wurden auserwählt, um den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang zu imponieren. Jeder Tag der siebentägigen Trainingswochen fängt mit einem strengen Plan an. Geräte, Ausdauer und Muskelaufbau prägen den Alltag. Das morgendliche Wiegen droht mit Verzicht. Die medaillenträchtigen Mädchen sind zwischen sechs und dreizehn Jahren, sie sind dünn und sie sind klein. Ihre Eltern sehen sie nicht mehr. Die Welt nennt sie die russischen Automatenmädchen. Zuneigung erfahren sie, wenn der Trainer sie eines Blickes würdigt. Sie alle kämpfen mit Untergewicht, Ernährungsmangel, Ermüdungsbrüchen und psychischen Ausnahmezuständen. Die Pubertären mit Zyklusstörungen und Erniedrigungen. In kurzen Sequenzen erfahre ich Hintergründe von realen Turnerinnen. „Nadja hat Bleichmittel getrunken, um mal eine Weile nicht mehr am Training teilnehmen zu müssen“. Missbrauch durch Trainer und Ärzte ist die gängige Methode der Machtausübung. Die Welt, der Verband, die Jurymitglieder, die Presse, alle schauen weg. Die Autorin schildert die Torturen sehr überzeugend, die Sprache ist körperlich. Hier ist trotz aller Fiktion ein Zeitzeugnis entstanden, dem ich mich nicht entziehen konnte. Die Schreibweise, an die ich mich zuerst gewöhnen musste, ist besonders. Du meine Güte, was habe ich da Erschütterndes gelesen?
Die Autorin: Son Lewandowski lebt als Autorin und Kuratorin in Köln. 2023 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs und der Autor*innenwerkstatt des LCB eingeladen. Mit Die kurzen Karrieren stand sie in dem Jahr auf der Shortlist des Edit-Essaypreises. 2024 wurde sie durch das Spaltmaße-Stipendium der Jürgen Ponto-Stiftung gefördert, 2025 durch das Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW.