Rezensionen In ihrem Haus

In ihrem Haus von Yael van der Wouden

Autor*in: Yael van der Wouden, Genre: Familienfiktion, Verlag: Gutkind, ISBN: 978-3-98941-054-1, 2. deutschsprachige Auflage 2025, 315 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Aus dem Englischen von Stefanie Ochel

Debütroman

Auf der Shortlist des Booker Prize 2024

Werbelink*
Werbelink*
Werbelink*

Man kann sich nur so lange vor der Wahrheit verschließen, bis sie an die Tür klopft. 

1961, in der niederländischen Provinz: Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Doch als ihr Bruder Louis seine ungehobelte Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das einst Schutz und Sicherheit bot, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen. Plötzlich verschwinden Dinge und Isabel wird immer misstrauischer gegenüber Eva, die nicht das zu sein scheint, was sie vorgibt.

In der flirrenden Sommerhitze entwickelt sich eine unerwartete Anziehung zwischen den beiden Frauen, die Isabels festgefügtes Weltbild erschüttert. Die Vergangenheit, die Isabel zu verdrängen versucht hat, holt sie endgültig ein und zwingt sie, sich ihren Vorurteilen und der dunklen Geschichte des Hauses zu stellen.

In sinnlich dichter Sprache und mit subtiler Spannung erzählt Yael van der Wouden von Begierde, verdrängten Geheimnissen, unerwarteter Rache und den Abgründen, die sich hinter den Fassaden scheinbar geordneter Leben verbergen. (Klappentext)

Niederlande 1961

Isabel hat im Garten gegraben und eine Porzellanscherbe gefunden. Sie sieht aus wie ein Stück des teuren Services, das sie wie einen Schatz in der Vitrine hütet. Sie weiß, dass es vollzählig ist. Sie ist Ende zwanzig und hat vor einem Jahr ihre Mutter beim Sterben begleitet. Jetzt lebt sie allein in dem großen Haus. Ihre einzigen Kontakte sind die selten gewordenen Abendessen mit ihren Brüdern Hendrik und Louis, ihrer Haushaltshilfe Neelke und dem Nachbarn Johan, der ihr aufdringliche Avancen macht. 

Sie fühlt sich von ihren Dienstmädchen bestohlen und kontrolliert argwöhnisch den Bestand. Ihr Bruder Hendrik scherzt, dass es in der Provinz bald kein Dienstmädchen mehr gäbe. Sie haben sich mit Louis zum Abendessen verabredet, der die Dreistigkeit besitzt, sie warten zu lassen. Als er das Lokal betritt, gestikuliert er aufgeregt mit dem Kellner. Er hat eine Frau dabei, die wievielte wissen sie nicht. Isabel ist verärgert, weil Louis nicht Bescheid gesagt hat. Seine Eroberung hat goldgelb gefärbte Haare, am Ansatz braun. Ihr Kleid ist zu eng und der Saum verschlissen. Isabell findet sie billig, peinlich und durchschaubar, sie wendet sich ab. Louis nennt sie Eva, sie wirft die Vase um, als sie sich über den Tisch beugt und ihnen die Hand geben will, entschuldigt sich, kichert, blickt zu Boden, setzt sich. Isabel fragt sich, wo Louis diese Frauen auftreibt. Im Damen-WC macht sie Eva klar, dass sie sie nicht eingeladen hat, sie bald eh Geschichte sein wird und sie sich nicht wiedersehen werden. 

Louis muss auf eine Geschäftsreise, etwa vier Wochen gedenkt er fortzubleiben. Er bringt Eva zu Isabel, weil die ihre Wohnung gekündigt hat und nicht mit Louis Mitbewohner alleinbleiben möchte. Isabel ist empört. Sie wehrt sich gegen seine Pläne, aber das Haus ist Louis versprochen, sobald er heiratet, kann er das Haus für sich beanspruchen. Isabel fügt sich. 

Eva erwacht spät, kommt in die Küche, wenn Isabel längst gefrühstückt hat. Sie wohnt in dem ehemaligen Zimmer Isabels Mutter und lässt ihre Kleider überall herumliegen.

Schmutz war der Mutter ein Dorn im Auge. S. 49

Eva fasst alles an und Isabel vermisst silberne Kaffeelöffel.

Eva war raumgreifend auf eine laute, rastlose Art, wie eine eingesperrte Biene. S. 47

Fazit: Yael van der Wouden hat ein vielschichtiges Debüt geschaffen, dessen Tiefe sich erst nach und nach entblättert. Der Erzählstil ist eigen und folgt souverän dem Verlauf der Geschichte. Die Hauptprotagonistin ist eine spröde junge Frau, die das Leben ihrer Mutter nachlebt. Sie hütet das Haus und dessen Inhalt (Andenken an die Mutter) wie ein Museum. Ihre rigiden Vorstellungen lassen sie steif und ungelenk wirken. Männer leben noch ganz im Zuge der Selbstermächtigung und Rücksichtslosigkeit, als Herren der Schöpfung. Isabels Familie ist durch den Krieg aus Amsterdam vertrieben worden. Der Onkel hat ihnen ein großes Haus besorgt, ein neues Heim für Mutter und Kinder. Isabel erinnert sich an Unstimmigkeiten in ihrer Kindheit, möchte sie aber nicht ergründen. Eva hat ebenfalls eine Geschichte, die sie in nächtlichen Albträumen quält. Der Konflikt besteht nicht nur in der Unterschiedlichkeit der beiden Frauen. Und dann lässt mich die Autorin an so überraschenden Entwicklungen teilnehmen, die dem Roman so eine Sinnhaftigkeit geben, dass ich aus dem Staunen und dem Fühlen gar nicht mehr herauskomme. Selten habe ich eine so intensive und versöhnliche Vergangenheitsbewältigung gelesen. Muss man lesen!

Die Autorin: Yael van der Wouden ist Schriftstellerin und Dozentin im niederländischen Utrecht und lehrt Kreatives Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft. Für ihre Kurzgeschichten und Essays, die sich mit Jüdischsein und queerer Identität auseinandersetzen, erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. In ihrem Haus ist eins der meistbesprochenen Bücher 2024. 
Stefanie Ochel übersetzt Literatur aus dem Englischen und Niederländischen. Sie lebt in Berlin.

Du magst vielleicht auch

Kommentar verfassen