An der Kreuzung der Parallelstraßen von Gary Victor
Autor: Gary Victor, Genre: Gegenwartsliteratur, Verlag: Litradukt, ISBN: 978-3-940435-52-1, 1. deutschsprachige Auflage 10/2025, 133 Seiten, Preis Softcover €16,00
Aus dem Französischen von Peter Trier
Mehrfach ausgezeichneter Haitianischer Autor
Haiti Ende der Neunzigerjahre: Éric, ein ehemaliger Beamter, der aufgrund von Strukturanpassungsprogrammen entlassen wurde, will sich an denen rächen, die er für sein Unglück verantwortlich macht. Er beginnt einen Amoklauf durch ein Port-au-Prince, in dem der nach der absoluten Macht strebenden „Erwählte“ eine neue Ordnung zu errichten sucht. Zugleich kehren sich Schriften um, Spiegel werden blind, eine Heiligenstatue treibt sich in den Straßen herum, und der Erwählte lässt Gott ermorden …Gary Victors härtester und in Haiti meistdiskutierter Roman, ausgezeichnet mit dem Prix du Livre insulaire. (Klappentext)
Eric hörte sie schreien, während er an dem Magazin der alten 45er Automatik bastelte. Der Spiegel, der Spiegel, heulte sie auf. Er wandte den Blick ab, konnte sie nicht mehr sehen, wie sie sich halb nackt in den Hüften wiegte, ihre Stimme, ihr Geruch widerte ihn an. Sie konnte von Glück reden, dass die Feder des Magazins klemmte, sonst hätte er ihr eine Kugel in die Stirn gejagt. Großvater duldete sie, weil sie irgendeiner Abstammungslinie entsprungen war. Der Spiegel ist blind, jammerte Marthe, jemand muss ihn verhext haben. Sein Vetter Anastase mischte sich ein, er möge Spiegel, sie seien das Auge Gottes, das uns ermögliche, uns zu sehen. Erst kürzlich bei einem Trip habe er einen Eselskopf mit tellergroßen Augen herausschauen sehen, das habe ihn zu einem seiner Gedichte inspiriert.
Endlich hatte Eric die Feder ins Magazin gefummelt. Jetzt strich er sanft mit dem Lauf über den Zeitungsausschnitt, auf dem Finanzminister Mataro in die Kamera lächelte. Wegen seinem Strukturanpassungsprogramm waren die Aasgeier von der Bank zusammen mit dem Gerichtsvollzieher bei ihm aufgetaucht, kurz nachdem Salomé ihn verlassen hatte. Er wird ihn abknallen und Mataro wird nicht der letzte sein. Anastase war widerwillig aufgestanden, um nach der plärrenden Martha zu sehen und schrie nun ebenfalls: „Der Spiegel wirft wirklich nichts zurück“. Eric musste hier raus.
Fazit: Gary Victor, einer der populärsten haitianischen Gegenwartsliteraten, bekannt für seine drastischen Schilderungen sozialer Missstände und für seine scharfen Kritiken an der haitianischen Gesellschaft, hat diesen Roman 2000 veröffentlichen lassen. Die Geschichte beginnt wie ein Krimi und verwandelt sich dann in einen dystopischen Albtraum. Der Protagonist will sich an der korrupten Regierung für seinen sozialen Abstieg rächen. Zuerst erschießt er Mataros Geliebten, den Transvestiten Vicky, dann muss Mataro ihn zum Präsidenten, genannt der „Erwählte“, führen, der einer Zeremonie beiwohnt, die sein Regierungsberater und gleichzeitig Schwarzmagier abhält. Ab da läuft alles aus dem Ruder. Die Geschichte spitzt sich zu, wie ein luzider Fiebertraum, in dem du weißt, dass du träumst und versuchst, den Ablauf zu beeinflussen. Die Kulisse gleicht einem Hexenkessel, Hitze, die sich über die Stadt legt, Autoschlangen, die die Dunstglocke über der Stadt forcieren und das Atmen erschweren, Starkregen mit Überschwemmungen, Slums auf Müllbergen, in denen Massen von Arbeitslosen hausen. Drogenclans und Banden, die ihre Viertel regieren, überall Gestank. Sodom und Gomorrha. Selten habe ich auf 130 Seiten so viele Szenen gesehen, die eine Welt erzählen, die sich so sehr von meiner unterscheidet. Aberglaube spielt eine große Rolle und scheint bestens geeignet, das Volk zu lenken. Die Armut ist unbeschreiblich, treibt junge Frauen in die Prostitution und lässt Aids Blüten treiben. Durch das Freihandelsabkommen werden amerikanische Produkte subventioniert und die Bauern in die städtische Armut gespült. Gary Victor hat die Gabe, schier unvorstellbare Zustände sichtbar zu machen und sich damit in Haiti nicht nur Freunde gemacht. Kein einfacher Unterhaltungsroman. Für alle Leser*innen, die an experimentellen Texten, die eine Botschaft transportieren, Spaß haben.
Der Autor: Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, studierter Agronom, gehört zu den populärsten haitianischen Gegenwartsautoren. Im deutschsprachigen Raum wurde er vor allem durch seine Kriminalromane um Inspektor Dieuswalwe Azémar bekannt. Seine drastischen Schilderungen gesellschaftlicher Missstände stellen ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts und machen ihn zu einem der subversivsten zeitgenössischen Schriftsteller Haitis. Gary Victor wurde mit mehreren Preisen, darunter dem Prix RFO, ausgezeichnet. Er war mehrfach auf der Krimibestenliste (DIE ZEIT, später DLF/F.A.S) sowie auf der Litprom-Bestenliste Weltempfänger platziert und hat mehrere erfolgreiche Lesereisen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz unternommen.
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