Wir dachten, wir könnten fliegen von Matthias Jügler (Herausgeber)
Herausgeber: Matthias Jügler, Genre: Anthologie (Kurzgeschichtensammlung), Verlag: Penguin, ISBN: 978-3-328-60453-2, 1. Auflage 10/2025, 256 Seiten, Preis Hardcover €32,00
Mit Illustrationen von Barbara Dziadosz
‚Literatur, so wie ich sie verstehe, ist nicht das bloße Erzählen einer aufregenden Geschichte. Literatur vermag es, uns die Welt, in der wir leben, mit anderen Augen sehen zu lassen.‘ Matthias Jügler
Er lebte im chinesischen Fluss Jangtse, war bis zu drei Meter lang und 500 Kilogramm schwer und wurde 2020 für ausgestorben erklärt: der Schwertstör. Zum Verhängnis wurden ihm sein zartes Fleisch und die anhaltende Vernichtung seines Lebensraums. Der Schwertstör war nicht nur aufgrund seiner Größe ein besonderer Fisch – er war auch der einzige Vertreter seiner Gattung, die nun mit ihm als ausgestorben gilt. Die Geschichte vom Verschwinden des Schwertstörs ist nur eine von Tausenden. In den nächsten Jahrzehnten droht weltweit der Verlust von bis zu einer Million Arten. Das Massensterben bedroht unser gesamtes Ökosystem und damit auch uns Menschen. Diese Anthologie versammelt literarische, ebenso humorvolle wie überraschende Beiträge von zwanzig der renommiertesten deutschsprachigen und internationalen Schriftsteller*innen. Sie fragen: Wie lebten bestimmte verschwundene Tiere und Pflanzen? Was verbindet uns heute noch mit ihnen? Was machte sie einzigartig? Und was wurde ihnen zum Verhängnis? Begleitet durch farbige Illustrationen von Barbara Dziadosz gibt ‚Wir dachten, wir könnten fliegen‘ den verschwundenen Arten ein Gesicht und holt sie aus der Anonymität in unser Bewusstsein. Mit Beiträgen von: T.C. Boyle, John Burnside, Alex Capus, Daniela Dröscher, Elena Fischer, Charlotte Gneuß, Kim de l’Horizon, John Ironmonger, Helen Macdonald, Katerina Poladjan und Henning Fritsch, Melanie Raabe, Julia Schoch, Katrin Schumacher, Clemens J. Setz, Antje Rávik Strubel, Jackie Thomae, Iida Turpeinen, Caroline Wahl, Iris Wolff.
Ausstattung: 19 farbige Abbildungen (Klappentext)
Die Ure gehen den Menschen von jeher aus dem Weg. Die gutmütigen Kolosse bleiben lieber unter sich. Zuerst haben sie sich höflich aus Vorderasien zurückgezogen, dann aus Südeuropa. Elche, Wisenten und Wildpferde sind ihnen die liebsten Nachbarn. In Masowien haben sie noch ein unberührtes Fleckchen gefunden mit Flechten an Baumstämmen, sattgrünem Moos, Fichten und Eschen. Die dichten Blätterdächer der riesigen Eichen bieten ihnen Schutz und der Mensch hält sich von den Sümpfen fern. Doch allmählich gibt es dort immer lichtere, trockenere Stellen, auch Felder, Häuser und Zäune. Menschen brennen alles nieder und zünden sich gegenseitig an. Nervös sind die Uren, kommen gar nicht mehr zur Ruhe, stehen geduckt unter nächtlichem Himmel, warten auf das Morgengrauen, das die Wiesen neblig benetzt und die Pflanzen schön knackig macht. Auf diese schmackhafte Morgenstunde machen sie sich immer aufmerksam. Aber warte! Der Ure erwacht aus seiner tüdeligen Trägheit, fragt sich, wann er zuletzt seinesgleichen gesehen hat. Er wird doch nicht der letzte seiner Art sein?
Julia Schoch „Das Feld räumen“
Sie wollten per Schiff nach Japan, um den letzten Honshü-Wolf zu besichtigen. Nun aber saßen sie in einer Pension herum Madame Chafroid, Dottore Malessere, Mister Eugene Crapulence und sie. Sie lasen, spielten Karten, tranken einen kurzen Scharfen und bemerkten, dass sie beobachtet wurden. Mein Herr, rief sie, wenn sie unsere Gesellschaft suchen, müssen sie sich schon etwas bemühen, denn nur durch Glotzen ward noch nie ein festes Band geknüpft …
Katerina Polandjan und Henning Fritsch „Die letzte Mazurka
Fazit: Matthias Jügler (Maifliegenzeit) hatte die Idee, Geschichten über ausgestorbene Tiere und Pflanzen erzählen zu lassen und hat einen Rundruf gestartet. Die von ihm geschätzten Autorinnen und Autoren ließen sich schnell von seinen Ambitionen überzeugen und so schufen sie 19 Kurzgeschichten. Das Ganze ist liebevoll gestaltet und wird von Bildern der Illustratorin Barbara Dziadosz untermalt. Jede Geschichte widmet sich einem Tier oder einer Pflanze, das/die ein großer Verlust für unser Ökosystem ist. Die Autor*innen haben sich mit dem Wegbrechen des Lebensraumes und der Ausrottung durch den Menschen auseinandergesetzt und ernste, komische, schräge, alles in allem aber liebevolle Beiträge geleistet. Der Auerochse findet einen Raum, die Wandertaube, der Riesenalk und viele mehr. Die Erzähler*innen sind T.C. Boyle, Alex Capus, Daniela Dröscher, Clemens J. Setz, Caroline Wahl, Iris Wolff und viele andere und geben einen schönen Vorgeschmack auf ihre Schreibkünste. Ein wundervoller Erzählband, den man auch gut zu Weihnachten verschenken kann.