Die Tochter von Guadalupe Nettel
Autorin: Guadalupe Nettel, Genre: Fiktion, Frauen in der Gesellschaft, Verlag: Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87760-0, 1. deutschsprachige Auflage 2025, 284 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Shortlist des International Booker Prize 2023
Eine unvergessliche Geschichte über die Ambivalenz des Mutterseins und Nicht-Mutterseins, über Freundschaft und die Solidarität von Frauen. ‚Diese Geschichte führt mitten ins Herz der Dinge, die wirklich wichtig sind im Leben.‘ Annie Ernaux Der internationale Erfolgstitel – in 23 Länder verkauft, Shortlist International Booker Prize, ausgewählt vom ‚New Yorker‘ als eines der ‚Best Books 2023‘.
Die beiden Freundinnen hatten sich geschworen, niemals Mutter zu werden. Unvorstellbar, ihre Freiheit für ein Kind aufzugeben. Und doch ist eines Tages alles anders. Alina wird schwanger. Laura, die sich die Eileiter durchtrennen ließ, empfindet dies als Verrat. Weshalb die Fehler der eigenen Mütter wiederholen und sich in Abhängigkeit begeben? Dann aber stellen die Ärzte fest, dass etwas mit Alinas Baby nicht stimmt. Ihr Leben nimmt einen ganz anderen Lauf, als sie es sich gedacht hatte. Zu selben Zeit freundet sich Laura mit einem kleinen Jungen in der Nachbarschaft an, dessen Mutter ihn vernachlässigt. Die neuen Erfahrungen wecken Ungeahntes im Inneren der beiden Freundinnen. Auf zwei sehr unterschiedlichen Arten lernen sie kennen, was es auch heißen kann, Frau zu sein. (Klappentext)
Für Laura gibt es nur zwei Gruppen von Freundinnen. Die, die bereit sind, ihre Freiheit aufzugeben. Und die, die bereit sind, in den Augen von Eltern und Gesellschaft in Ungnade zu fallen. Alina gehört zur ersten. Sie sind Mitte dreißig und haben sich klar gegen eigene Kinder entschieden. Laura hat das mit einer Sterilisation untermauert. Der Verlust der Freiheit, die Unmöglichkeit einer Karriere, der Stress, die Stillzeit, die schlaflosen Nächte, das alles schreckt sie ab.
Als Juan ihre Räume noch mit dem Geruch von Ölfarbe füllte, da hatte sie zarte Anwandlungen verspürt. Im Gegensatz zu ihr konnte er gut mit Kindern. Immer wenn er sie traf, sprach er mit ihnen, das nahm ihr die Angst, brachte sie ihr näher, so dass sie sie wohlwollend aus der Ferne beobachtete. Zu dieser Zeit fielen ihr auch schwangere Frauen auf. Wenn sie mit ihnen in der Kinoschlange stand, sprach sie sie an, wollte wissen, wie selbstbewusst sie sich dafür entschieden hatten. Nachdem Juan dann seine übergroße Bereitschaft zeigte, ein Kind zu zeugen, machte sie kurzen Prozess, ohne ihn einzuweihen. Danach stellten sie schnell fest, dass sie unterschiedliche Lebensentwürfe hatten und sie zog aus.
Und nun vertraut Alina ihr an, dass sie seit einem Jahr versucht, schwanger zu werden. Laura spürt den Riss, der sich durch ihre Freundschaft zieht intensiv, im Gegensatz zu Alina. Nach zahlreichen Fruchtbarkeitsbehandlungen erwartet Alina ein Mädchen und macht ihren Aurelio glücklich. Während der Schwangerschaft machen die Ärzte Alina Angst. Eine Ultraschalluntersuchung zeigt ein zu kleines Gehirn und man rät ihr ein MRT machen zu lassen. Obwohl Alina unter Platzangst leidet, will sie das Beste für ihr Kind, aber sie hält es in der geräuschvollen Röhre nicht lange genug aus. Obwohl die Bilder stark verpixelt sind, ist sich die Ärzteschaft einig. Ihre Tochter hat einen sehr seltenen Gendefekt und die Odyssee beginnt.
Fazit: Guadalupe Nettel hat eine außerordentliche Geschichte geschaffen. Sie schreibt über Mutterschaft in all ihren Facetten. Über die Sorge, das Glück, die Wehmut, den Schmerz, den Frust und die Liebe. Alinas Sorge bekommt berechtigterweise einen großzügigen Raum. Die ganze Tortur, der sie ausgesetzt ist, weil sie einen Kinderwunsch verspürte, ist herzzerreißend und nervenaufreibend erzählt. Die Ich-erzählende Protagonistin, aus deren Sicht die Geschichte gezeigt wird, wirkt zuerst abgeklärt und unterkühlt. Das Schicksal ihrer Freundin aber reißt sie emotional mit und sie wird eine große Unterstützung. Sie selbst macht ihre eigenen Erfahrungen mit einem ihr fremden Jungen und seiner überforderten Mutter und erlebt selbst Zuneigung und Liebe, die sie Welten bewegen lässt. Und auch das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter findet einen Platz. Die Autorin erzählt mit einer Leichtigkeit, die mich durch die Seiten hat fliegen lassen, mich trotz aller schwierigen Themen nicht erdrückt, sondern mir eine positive Entwicklung zeigt. Ich habe mich in jede Figur hineinversetzen können und tief mitgefühlt. Die Rolle der Mutter wird unterschätzt und erfährt kaum Wertschätzung sondern wird als selbstverständlich und natürlich erstrebenswert betrachtet. Dieses Buch vermittelt Empathie und Toleranz für alle weiblichen Entscheidungen.
Die Autorin: Guadalupe Nettel, 1973 in Mexico City geboren, zählt zu den wichtigsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur. Sie wuchs in Frankreich, Montreal und Barcelona auf und promovierte an der École des Hautes Études in Paris. Mehrere ihrer Romane erhielten internationale Anerkennung und wurden mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet sowie in mehr als 17 Sprachen übersetzt. Guadalupe Nettel arbeitet als Journalistin u. a. für ‚The New York Times‘, ‚El País‘, ‚La Repúbblica, ‚La Stampa‘ sowie für das ‚Granta Magazine‘. Außerdem ist sie Herausgeberin des renommierten mexikanischen Literaturmagazins ‚La Revista de la Universidad de Mexico‘. Sie lebt in Mexico City und in Paris.