Rezensionen An Rändern

An Rändern von Angelo Tijssens

Autor: Angelo Tijssens, Genre: Gegenwartsliteratur, LGBTQ-Literatur, Verlag: Rowohlt, ISBN: 978-3-498-00400-2, 1. Auflage 2024, 128 Seiten, Preis Hardcover €22,00

Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel

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Nachdem Angelo Tijssens Kritiker:innen und Zuschauer:innen auf der ganzen Welt mit seinem Film Close
begeistert hat, legt der flämische Drehbuchautor nun sein kunstvoll erzähltes, außerordentlich berührendes Romandebüt vor.

Wie überlebt man die größte Einsamkeit, den tiefsten Schmerz? Und wie wird aus erfahrener Ablehnung mutige Selbstbehauptung? Ein junger Mann kehrt nach dem Tod der Mutter in seine Heimat, an die Küste Flanderns zurück. Hier trifft er nach vielen Jahren seine erste große Liebe wieder, die ihm nach wie vor Nähe und Zuflucht spendet. Er stellt sich aber auch den schmerzhaften Erinnerungen an seine traumatische Kindheit. Es sind Reminiszenzen an seine ihn misshandelnde Mutter und die Entdeckung seiner Homosexualität in einer Welt, in der es dafür keinen Platz gab. Seine Reise verbindet Liebesgeschichte, Abschied von der Vergangenheit und hoffnungsvollen Neubeginn auf eindrucksvolle Weise.
An Rändern ist ein schmaler Roman mit größter Wirkung: Auf wenigen Seiten entfaltet er eine ungeheure Wucht, ist verstörend und herzerwärmend, traurig und unglaublich empowernd zugleich. Ein Text mit Nachhall.
«Ein bestechender, leuchtender Text, der in eindringlichen Bildern vom Wesentlichen erzählt.» Yael Inokai
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An Rändern
ist ein kleines Meisterwerk. Ein bewegender Text, der von Traumata erzählt, die für viele queere Menschen Teil ihres Heranwachsens und ihres Lebens sind. Ein Text über die erste Liebe, Schmerz, Heimkehr, Verlust und Ankunft – tieftraurig und doch voller Hoffnung.» Florian Valerius (Klappentext)

Es ist windig. Dunkelheit legt sich über den Ort seiner Herkunft. Er fährt mit dem Fahrrad, lauscht den verstummenden Vogelstimmen, Regen klatscht in sein Gesicht. Fährt vorbei an den alten Gewächshäusern des Gartencenters, sieht durch geborstene Fenster Dunkelheit. Der Imbiss liegt verlassen da, ein Schild bietet den Verkauf an. In der alten Turnhalle erinnert er sich, konnte man Blut spenden, außer die Schwulen, weil deren Blut andere Menschen krank machen konnte. Nur noch wenige Meter, dann kommt er bei seinem Haus an. Ob er sich verändert hat? Sie haben sich lange nicht gesehen. 

Dieser empfängt ihn im Kaputzenshirt, sein Gesicht liegt im Schatten, lächelt er?

Er folgt ihm in sein Haus, kann endlich sein Gesicht sehen. S. 18

Sie trinken Rotwein, erinnern sich, an die Brüder, die sich nicht ähnlich sahen, mit den unterschiedlichen Akzenten. Sie stachen in See, brachten ihr Muscheln oder Perlenketten mit. Sie schrie sie an, dass sie wisse, dass sie keine Brüder seien, sondern schwul und schmiss die Perlenkette von sich.

Damals, in der Waschküche seiner Eltern bat jener ihn, vor ihm auf die Knie zu gehen. Danach hatte der nichts mehr mit Männern und hatte es auch niemandem erzählt. Er selbst hatte ständig Sex mit Männern, ausschließlich mit ihnen. Mit denen, mit den Familienfotos an der Wand, denen, mit dem kalten Blick, denen, die in seinen Schoß weinten.

Hatte er jenem erzählt, wie sie ihn die Treppe heruntergerufen hatte? Er wußte, dass sie es ernst meinte. Er rannte nach unten, raus, sah seine Burg in Teilen, sein Musikheft, die Schrift vom Regen verschwommen. Sie fluchte in der Küche und zündete sich eine Zigarette an, während er im nassen Kies kniete.

Fazit: Die Geschichte beginnt vor einer düsteren Kulisse. Alles wirkt verlassen und hoffnungslos. Der Autor tastet sich langsam an die Vergangenheit des namenlosen Ich – Erzählers heran. Angelo Tijssens holt den wichtigsten Part seiner Kindheit und Jugend, den, den er verehrt hat, in die Gegenwart und lässt sie sich treffen. Lässt seinen Protagonisten zurückdenken. Immer wieder blitzen scharfkantige Szenen auf, in denen er von seiner Mutter misshandelt wird. Er ist ganz allein mit ihr, niemand sieht seine Narben oder blauen Flecken, hilft ihm. Die Geschichte tut weh, sein Schmerz und seine Resignation sind so spürbar, wie seine Wertlosigkeit. Er lässt sich von allen Menschen, denen er begegnet, benutzen. Eine extrem unangenehm berührende Geschichte, einfach gut gemacht, weil es so stark zeigt, wie jemand sich fühlt, der nirgendwo hingehört und die schwere Last des Erlebten mit sich herumschleppt.

Der Autor: Angelo Tijssens, geboren 1986 im belgischen Blankenberge, ist ein international gefeierter Drehbuchautor. Seine Arbeiten wurden zahlreich ausgezeichnet, der Film Close,für den Tijssens das Drehbuch verfasste, war 2023 für den Oscar und den Europäischen Filmpreis nominiert und gewann u. a. den Großen Preis der Jury in Cannes. Bereits 2019 wurde Tijssens für das Drehbuch von Girl mehrfach international gewürdigt, gemeinsam mit seinem künstlerischen Partner Lukas Dhont erhielt er hierfür die Caméra d’Or. An Rändern ist sein hochgelobtes Romandebüt, das ins Englische, Französische und Spanische übersetzt wurde.
Stefanie Ochel ist Literaturübersetzerin. Sie übersetzt vor allem aus dem Englischen und Niederländischen, zuletzt Romane von Valentijn Hoogenkamp, Lieke Marsman, Tomi Obaro und Nina Polak. Nach Aufenthalten in Finnland und England lebt sie seit 2017 in Berlin.

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