Mit deinen Augen von Maddalena Fingerle
Autorin: Maddalena Fingerle, Genre: Zeitgenössische Romantik, Queere Literatur, Verlag: Luchterhand (Penguinrandomhouse), ISBN: 978-3-630-87798-3, 1. deutschsprachige Auflage 08/2025, 222 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Aus dem Italienischen von Victoria von Schirach
Dieser zweite Roman der Autorin wird von der italienischen Presse gefeiert.
Gaia ist gerade verlassen worden – von der Frau, die ihre große Liebe war: Über das Aufbrechen von Lebensentwürfen und dem Spiel mit der eigenen Identität. Die literarische Entdeckung aus Italien – ‚Man wird noch viel von Maddalena Fingerle hören.‘ FAZ
Alles ist perfekt. Doch dann wird Gaia verlassen von der Frau, die ihre große Liebe war. Dank Veronica hatte Gaia das Gefühl, sich endlich lossagen zu können von ihrer Familie. Die wohlhabenden Eltern zelebrieren – seit Jahrzehnten in München lebend – ihre italienische Herkunft, laden an den Wochenenden zu ausufernden Mittagessen, mit Fleisch vom Viktualienmarkt und männlichen Gästen aus gutem Hause. Schließlich soll die Tochter wenigstens eine gute Partie machen, wo sie schon nicht studiert hat. Jetzt, nach der Trennung, fühlt Gaia sich davon eingeengter denn je und weiß nicht mehr, wer sie selbst eigentlich ist. Die Sehnsucht nach Veronicas unbeschwerter Art wird mit jedem Tag größer. Also beschließt sie, so zu werden wie ihre Exfreundin. Sie rasiert sich die Haare ab und besorgt sich eine Perücke, sie verkauft ihre Erbstücke und bestellt billigen Modeschmuck. Und als sie erfährt, dass Veronica einen Mann heiraten wird, zwingt auch sie sich, einem alten Verehrer Beachtung zu schenken. Doch: Wer wird sie sein, wenn sie fertig ist mit ihrer Verwandlung? Mal impulsiv und wütend, mal überwältigt und obsessiv, aber immer mit ironischem Unterton – Maddalena Fingerle beweist ihr einzigartiges literarisches Talent und zeichnet das schillernde Porträt einer jungen Frau. (Klappentext)
Sie liebt Narben, Dehnungsstreifen, Körpermale aller Art. Seit sie von Zuhause ausgezogen ist, hat sie den festen Vorsatz, ihre Miete selbst zu zahlen. Sie will unabhängig sein von ihren wohlhabenden Eltern. Sie kauft jede Woche für zehn Euro, vorwiegend No-Name-Produkte und für den Nachhauseweg noch Junkfood, um es direkt aus der Hand zu essen. Die neuen Gewohnheiten zeichneten sich schnell auf ihren Hüften ab. Ihre Mutter wollte sie bei einem Ernährungsberater sehen, aber sie ging nicht hin, nahm ab und hat jetzt ordentliche Dehnungsstreifen auf den Schenkeln.
Der Typ von Ebay, der vor ihr kniet, Joe, eigentlich Iwan, aber sie findet, dass Joe viel besser zu seinem Gesicht passt, ist übersät mit Brandnarben, auf die sie jetzt starrt, wie auf einen Fetisch. Wahrscheinlich hat er mal eine Frau aus einem brennenden Haus gerettet. Er ist eine archaische Erscheinung, groß, breitschultrig, kantiges Gesicht. Sicher könnte er sie auch retten und wenn sie einmal einen Bodyguard braucht, dann erinnert sie sich an Joe.
Joe hat jetzt ihr Bett abgebaut, den Mahagonischreibtisch, den Jugendstilschrank und den ergonomischen Schreibtisch, den ihre Mutter ihr aufgedrängt hat, vor die Haustüre gebracht. Er kommt ein letztes Mal herauf, greift ihre Taschen, Schuhe, Kleider, den Beauty-Case, dann ist er weg. Gaia ist jetzt frei, Veronica hat sie gerade verlassen. Jetzt weiß sie nicht mehr, wer sie ist, deshalb wird sie werden wie Veronica. Sie rasiert sich die Kopfhaut, um Platz für eine Perücke zu schaffen. Das Gesicht behandelt sie mit Foundation, Puder, Conciler, Foundation, immer im Wechsel, bis sie Veronikas Elfenbeinteint imitiert hat. Es folgen dichte, lange Wimpern, die sie über ihre klebt, eine Perücke, grüne Kontaktlinsen und roter Nagellack. Was sie jetzt noch schnell besorgen muss, ist das Periodentässchen. Sie ekelt sich davor, aber wenn sie schon Veronika sein will, dann richtig.
Fazit: Maddalena Fingerle ist eine durch und durch unterhaltsame Geschichte gelungen. Ihre Protagonistin stammt aus einer reichen Familie, die oberflächlicher nicht sein könnte. Ihr Vater steht mit seiner Präsenz über der Mutter, ihr Bruder steht mit seiner Bildung über der Mutter und alle stehen über der Haushaltshilfe Filomena. Gaia ist lesbisch und verlassen worden. Ihren Eltern erzählt sie nichts Persönliches. Es reicht, dass sie sie schon nicht respektieren, wie sie sie sehen und den Bruder vorziehen. Durch den Verlust hat die neurotische, schwermütige, unsichere Gaia sich verloren. Sie versucht sich (die Ungeliebte) durch Veronika (die Unbeschwerte) zu ersetzen. Im Laufe der Geschichte jedoch gewinnt sie an Sicherheit und wird unabhängiger von der Wertschätzung durch andere. Die Autorin zeigt mir Gaia durch ihre Gedanken, die sich oft im Kreis drehen, aber auch viele selbsterfüllende Prophezeiungen mit einer guten Prise Selbstironie. Ich mag auch sehr die Wut, die in Gaia brodelt, wenn sie übergangen wird, das macht sie lebendiger, als sie sich fühlt. Eine richtig gut gemachte Geschichte über eine charakterstarke, junge, verwirrte Frau, die zentrisch um sich selbst kreist. Sehr unterhaltsam.
Die Autorin: Maddalena Fingerle, 1993 in Norditalien geboren, studierte Germanistik und Italianistik in München und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ihr Romandebüt ‚Lingua madre‘, auf Deutsch im kleinen Verlag Folio erschienen, gewann zahlreiche Preise. ‚Mit deinen Augen‘ ist ihr zweiter Roman, der in Italien von Presse und Publikum gefeiert wurde. Maddalena Fingerle lebt in der Nähe von München.