Rezensionen Die Frauen hinter der Tür

Die Frauen hinter der Tür von Roddy Doyle

Autor: Roddy Doyle, Genre: Familienfiktion, Verlag: Goya, ISBN: 798-3-8337-4967-4, 1. deutschsprachige Auflage 2025, 317 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld

Shortlist Irish Book Award 2024

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Paula Spencer lebt endlich ihr eigenes Leben. Sie ist Mutter, Großmutter, Witwe, trockene Alkoholikerin und Überlebende. Sie hat einen Job bei der Reinigung, der ihr Spaß macht, einen Mann – Joe -, mit dem sie ihre Gedanken teilen kann, Freundinnen, die sie so nehmen wie sie ist, und vier erwachsene Kinder, die ihre eigenen Familien haben. Sie hat sich den Geistern ihrer Vergangenheit widersetzt und blickt nach vorn. Bis alles durcheinandergebracht wird, als ihre älteste Tochter Nicola vor der Tür steht. (Klappentext)

Nicola hat ihr Tee besorgt. Sie trinkt ihn selten, bereitet ihn aber zu. Besser eine Tasse als ein Glas in der Hand. Obwohl, früher hätte sie ihren Gin oder Wodka auch aus dem Kohleeimer gesoffen. Es waren nicht immer Gläser zu finden, aber das hat sie nicht abgehalten. Nicola ist ihre Göttin, wie sie geht, sich kleidet, der Welt entgegentritt. Nicola hat als Älteste der vier Geschwister viel miterlebt, was zwischen ihrer Mutter und dem Vater passierte, mehr als ein Kind sehen sollte. Ihre Mutter Paula war mit einem Dieb verheiratet und brauchte jahrelang, um ihre Identität zurückzuholen. 

Als Leo Varadkar vor einem Jahr das Land in den Lockdown führte, hatte Paula sich das erste Mal bereit gefühlt, fähig dazu. Vorbereitet. Den anderen einen Schritt voraus. Ihr ganzes Leben bestand seit Jahren aus Einschränkungen. Wie lange blieb sie, wenn sie sich mit anderen traf? Was trank sie, während die anderen Alkohol tranken? 

Nicola war dabei, als Paula ihrem Vater die Bratpfanne überzog und ihn aus dem Haus jagte. Sie hatte immer wieder versucht zu gehen, mal mit und mal ohne die Kinder, es aber nie geschafft. An dem Tag, als Nicola vor ihrer Tür steht und ihr sagt, dass sie nicht zurück zu Tony und den Kindern geht, nie mehr, versteht Paula gar nichts mehr.

„Hat er dich geschlagen?“ „Nein, Mum“

„Hat er die Kinder schlecht behandelt?“ „Nein“

„Willst du darüber sprechen, Süße?“ „Nein“

Es ist das Muster, das in mich gepflanzt ist. „Der arme Mann, armer Tony, ganz allein mit den Kindern“. „Der arme Charlo“. Selbst nachdem er mich fast totgeprügelt hatte, dachte ich, dass ich das wohl verdient haben musste, dass es an mir lag. 

Fazit: Roddy Doyle hat eine Geschichte über häusliche Gewalt geschaffen, die mich in ihren Bann geschlagen hat. Die Erzählstimme ist ruhig, es brodelt eher unter der Oberfläche. Nach und nach zeigen sich, in den Dialogen zwischen der Protagonistin und ihrer Tochter, die grausamen Einzelheiten. Die Gespräche sind so authentisch, dass ich quasi mit den beiden Frauen in Paulas Küche sitze und gebannt zuhöre. Wirklich gut herausgearbeitet hat der Autor Paulas Schuldgefühle, die ganze bittere Scham, weil sie den Kindern wahlweise zu sehen gab, wie sie schwerst misshandelt wurde oder komatös besoffen auf dem Sofa lag. Die Tochter liebt und hasst ihre Mutter. Beide spielten ihre Rollen des Frauenbildes, das sie interniert haben. Die Tochter hatte gelernt, stark sein zu müssen, sich zu kümmern, nichts abzugeben und sich mit dem Schein derer, die alles im Griff haben, zu umgeben. Die Mutter hatte gelernt, dass sie für alles verantwortlich ist, hat alle Schuld auf sich genommen und sich in Selbsthass gesuhlt. (Hervorragend dargestellt durch Paulas innere Dialoge) Als die Tochter dann alles hinschmeißt, konkurriert die Mutter mit ihr, bevormundet sie und fühlt sich in der Rolle der selbstgerechten Märtyrerin wohl. Es knallt zwischen den unterschiedlichen Frauen und wird so schmerzhaft ehrlich und verbindend, dass am Ende der Raum, in dem ich sitze, heller wirkt und die Luft sauberer riecht. Das war so echt und bildreich und einfühlsam und mitreißend und und und. Großes Kino!

Der Autor: Roddy Doyle, 1958 in Dublin geboren, ist ein mit dem Booker Prize ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Der renommierte Schriftsteller studierte Anglistik und Geografie und arbeitete viele Jahre trotz großer literarischer Erfolge weiterhin als Lehrer, bevor er sich ab 1993 ganz dem Schreiben widmete. Spätestens seit Romanen wie The Commitments, The Snapper und Fish & Chips, deren Verfilmungen zu Kinohits wurden, besitzt er eine treue Leserschaft. Doyle zählt inzwischen zu den wichtigsten zeitgenössischen Autor*innen Irlands.
Sabine Längsfeld übersetzt seit über zwanzig Jahren Literatur aus dem Englischen und Amerikanischen ins Deutsche. Ihre Liebe für Zwischentöne und ihr feines Gespür für Dialoge haben schon manchem Titel in die Bestsellerlisten verholfen. Zu den von ihr übertragenen Autorinnen und Autoren zählen u. a. Roddy Doyle, Glennon Doyle, Amitav Ghosh, Chan Ho-kei und Simon Beckett.

 

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