Als wir Schwestern waren von Fatimah Asghar
Autorin: Fatimah Asghar, Genre: Literarische Fiktion, Verlag: btb, ISBN: 978-3-442-77452-4, deutsche Erstausgabe 2024, 352 Seiten, Preis Taschenbuch €14,00
Aus dem amerikanischen Englisch von Yvonne Eglinger
Auf der Longlist für den National Book Award 2023
Ein vielschichtiger Roman über den liebevollen Zusammenhalt dreier muslimischer Schwestern – nominiert für den National Book Award, ausgezeichnet mit dem Carol-Shields-Prize.
Was bedeutete es, heute als Muslimin in den USA aufzuwachsen? Wie finden junge Menschen neue Rollenvorbilder? Fatimah Asghar, preisgekrönt, erkundet in einem unverwechselbaren poetischen Ton die liebevolle Beziehung dreier muslimischer Schwestern. Nach dem Tod ihrer Eltern versuchen die Mädchen, sich gegenseitig Liebe und Halt zu geben. Sie suchen nach den eigenen Wurzeln, erforschen ihre weibliche muslimische Identität und wagen neue Wege abseits vom traditionellen Frauenbild. »Als wir Schwestern waren« ist ein Roman voll rauer Schönheit und wirft einen unerschrockenen Blick auf Herkunft, Identität Trauer und die Kraft der Zuversicht. (Klappentext)
Noreen, die Chefin des Spielplatzes und älteste, Aisha, die Stille und Kausar, die Jüngste, das sind die drei Schwestern, die schon früh die Mutter verloren haben und jetzt noch den geliebten Vater. Er wurde auf der Straße erschossen. Nun sitzen viele Tanten im Wohnzimmer und weinen. Kausar liebt es zu weinen.
Ich weinte, begeistert von diesem Weinen, und die Erwachsenen, die mich sahen, weinten umso mehr, und so weinte ich auch umso mehr, weil ich wusste, dass ich gut darin war und niemand mich im Weinen schlagen, mich über-weinen konnte. S. 17
Sie beratschlagten lange, wohin mit den Mädchen? Wenn es Jungen wären, dann würde sich jemand finden, der sie aufnahm, aber Mädchen. Am nächsten Tag kam Onkel … Der pakistanische Bruder ihrer Mutter. Er hatte eine Gorra geheiratet, die zum Islam konvertierte, aber das interessierte seine Mutter und Cousinen nicht Maschallah. Dann ließ sie sich scheiden und behielt Häuschen mit Garten und die zwei Söhne.
Der Onkel … nimmt die Mädchen mit in seine Wohnung. Wer sich um ein Waisenkind kümmert, dem ist der Eintritt ins Dschanna sicher und das kann nie schaden. Sie bekommen ein Zimmer in der Nachbarwohnung, die sie sich mit einem muslimischen Paar teilen. Sie nennen die beiden Tante und Meemoo. Weil Onkel … oft vergisst den Mädchen den Kühlschrank aufzufüllen, kocht Tante für sie, von dem Geld, das Meemoo verdient, aber dann verlangt Onkel …, dass die Mädchen sich von den beiden fernhalten und weil das schwierig ist, droht Onkel … Kausar, dass er Meemoo anzeigt, weil er Sex mit Kausar hatte:
Was denkst du, wem sie glauben werden, dir oder mir?
Kurz vor Erhalt ihrer Greencard ziehen Tante und Meemoo aus. Sie nehmen weinend Abschied und schwören, dass sie sich wieder treffen werden.
Fazit: Fatimah Asghar hat ganze Arbeit geleistet. Sie nimmt ihre Leser:innen mit in ein Amerika der 90er – Jahre. Ihre Hauptprotagonistin und beide Schwestern verlieren alles und werden in eine fremde Welt gestoßen, in der es keine Stabilität gibt. Menschen, die ihnen ans Herz wachsen verschwinden wieder. Der Onkel ist weder zuverlässig noch vertrauenswürdig. Er hat die Mädchen aus reinem Eigennutz aufgenommen, das Verhältnis zwischen ihnen bleibt lieblos. Die einzige Konstante ist die schwesterliche Verbundenheit und der Zusammenhalt. Allerdings trägt jede von ihnen ihren Verlust anders, leidet anders darunter. Die Sprache ist außergewöhnlich. Die Autorin beherrscht die Kunst, Gefühle zu transportieren und für die Leser spürbar zu machen. Ich war stellenweise erschüttert und wütend, obwohl die Geschichte fiktiv ist. Die Ich-Erzählung aus Sicht Kausars, führt ganz nah an die Situation heran. Das Ende ist rührend und versöhnlich. Eine runde Geschichte, die ich zu gerne weiterempfehle.
Die Autorin: Fatimah Asghars künstlerische Arbeiten umfassen Drehbücher, Filme, Lyrik und Romane. 2017 stand Asghar auf der Forbes-Liste ‚Thirty under thirty‘. Asghar setzt sich mit Themen wie gender, race, Erbe der Kolonialisierung und Religion auseinander und hat eine Anthologie mit dem Fokus auf muslimische LGBTQI+-Menschen mitherausgegeben. Außerdem arbeitete Fatimah Asghar am Drehbuch der Emmy-nominierten HBO-Serie ‚Brown Girls‘ mit, in der die Freundschaft zwischen muslimischen women of color im Vordergrund steht. Asghars Debütroman ‚Als wir Schwestern waren‘ erschien im Oktober 2022, erhielt großes Presse-Lob, stand auf der Longlist des National Book Award und wurde mit dem zum ersten Mal vergebenen Carol-Shields-Preis ausgezeichnet, der für herausragende Werke von weiblichen und non-binären Autor*innen in den USA und Kanada vergeben wird. Im Mittelpunkt aller künstlerischer Ausdrucksformen Asghars steht die Überzeugung, neue Auffassungen von Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen zu entwickeln, die über die gesellschaftlich vorgegebenen Normen hinausgehen.