Das Schweigen in mir von Layla AlAmmar
Autorin: Layla AlAmmar, Genre: Literarische Fiktion, Verlag: Goya, ISBN: 978-3-8337-4424-2, 1. deutschsprachige Auflage 2023, 334 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Aus dem Englischen von Yasemin Dincer
Eine junge Frau sitzt in ihrer Wohnung und blickt auf die kleinen Dramen, die sich in ihrer Nachbarschaft abspielen. Sie ist eine stumme Außenseiterin, die aus sicherer Distanz alles beobachtet: Streitereien, Sex, glückliche und unglückliche Familien. Nur ihr eigenes Leben fühlt sich an, als hätte jemand die Stopp-Taste gedrückt.
Nachdem der Bürgerkrieg in ihrer syrischen Heimat ausbrach, ist sie dem Versprechen von einem Leben in Sicherheit gefolgt und nach Europa geflüchtet. Seit ihrer Ankunft in England kann sie ihre Arbeit als Journalistin nicht mehr ausüben. Sie fühlt sie sich isoliert und mit antimuslimischen Vorurteilen konfrontiert. Betäubt von den Kriegstraumata verstummt sie. Statt zu sprechen, beginnt sie jedoch, zu schreiben – über den Arabischen Frühling, den syrischen Bürgerkrieg, die Flucht nach Europa und die Einsamkeit im Exilland.
Ihre Beiträge werden von einem Online-Magazin unter dem Pseudonym „Die Stimmlose“ veröffentlicht. Nach und nach findet sie die Kraft, ihren Platz hinter dem Fenster zu verlassen. Sie erkundet die neue Umgebung und entdeckt den Tante-Emma-Laden um die Ecke, eine nahegelegene Moschee, einen Buchladen, einen Waschsalon.
Als ein Fest der Moschee von Rassisten überfallen wird, muss sie sich entscheiden: Bleibt sie stumme Beobachterin oder zeigt sie Haltung?
Mit brillanter, poetischer Sprache erforscht Layla AlAmmar, was es bedeutet, geflüchtet zu sein. Sie schreibt über den Verlust von Sicherheit, Krieg und Extremismus. Das Schweigen in mir fängt das fragmentierte Leben einer Geflüchteten in all seinen Farben ein und führt dabei deutlich vor Augen, wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig zuhören. Ein beeindruckender Roman mit unglaublichem Feingefühl und einem Plädoyer für Toleranz und Verständigung. (Klappentext)
Tower 1, dritte Etage Mitte. Der Dad ist mit Sicherheit Trinker. Regelmäßig steht er vor der Haustüre und brüllt nach oben. Sein Sohn oder seine Tochter lassen dann die Schlüsselkarte nach unten fallen. Manchmal huscht der Wind darunter, lässt sie an ihm vorbeisegeln und ihn fluchen. Seine zierliche Frau trägt seine Fingerabdrücke auf ihren Unterarmen.
Tower 3, gleich neben ihr. Das alte Ehepaar. Tom immer tadellos gekleidet. Ruth schreit oft. Vielleicht versucht sie aber auch nur den Fernseher zu übertönen, der pausenlos läuft. Ruth ist zerbrechlich wie ein Vogel, beobachtet sie im Aufzug wie ein Karibu. Bei den Briefkästen nennt Ruth sie unverhohlen „Die Seltsame“. Wenn man nicht spricht, glauben die Leute, dass man auch nicht hören kann und man wird zwangsläufig Zeuge von Worten, die sonst nie gesagt worden wären.
Tower 2, 1. Etage rechts. Der Mann ohne Licht räumt ständig um, dreht Joints und guckt jeden Abend in die Kiste unter seinem Bett. Er spricht nicht mit ihr, wenn sie sich in der Hauswäscherei treffen und das ist ihr recht. Sie ist aus ihrer syrischen Heimat geflohen, als die Einschläge immer näherkamen. Bei allem, was sie auf ihrem Weg nach England gesehen hat, ist ihre Stimme verschwunden. Sie hat ganz Ungarn zu Fuß durchquert, hat in Griechenland neben den Bahngleisen kampiert und manchmal wenn sie aufgewacht ist, hatte sie den Geschmack von Brackwasser im Mund und einige Geldscheine im BH.
Josie protegiert sie. Lässt sie für kleines Geld Texte für ein Onlinemagazin schreiben. Wieder öffentlich als Journalistin zu arbeiten ist unvorstellbar geworden. Sie schreibt unter dem Pseudonym „Die Stimmlose“. Josie möchte, dass sie über ihre Erinnerungen schreibt, aber sie ist sich sicher, dass sie sich nicht erinnern will. Wenn sie die Kontrolle verliert, wie es ihr im Schlaf passiert, dann neigen die Erlebnisse dazu, sich auf sie zu stürzen und unter sich zu begraben.
Fazit: Diese Geschichte, die Layla AlAmmar geschaffen hat, ist eine Hommage für Respekt, Mitgefühl und Toleranz. Ihre Protagonistin hat sich allein auf den Weg nach Europa gemacht. Dabei hat sie alles zu sehen bekommen, was nicht passieren sollte. Sie ist Schleppern begegnet, die betrogen haben, überfüllten Schlauchbooten, Kühlwagen, überfüllten Auffanglagern und Männern, die ihre Situation ausgenutzt haben. Sie lebte als Journalistin bei ihrer Familie in Syrien, hat den Arabischen Frühling erlebt, gefolgt vom Bürgerkrieg, der sie alle auseinandergerissen hat. Die Autorin zeigt die zutiefst traumatisierenden Ereignisse schemenhaft luzide und macht damit vorstellbar, was Frauen und Männern passieren kann, die ihr Recht auf Freiheit, Würde und Religionsfreiheit leben wollen. Zeigt, was Menschen bewegt, ihre Heimat zu verlassen, Freunde, Familie, ihr Hab und Gut aufzugeben. Und was sie dafür in Kauf nehmen müssen, weil die Gegebenheiten so sind. Die Autorin hat schöne Worte gefunden, um die Einsamkeit zu zeigen und weise feinfühlige Sätze um das Innenleben der Hauptdarstellerin zu veranschaulichen. Ich liebe diese Geschichte, die mein offenes Herz noch größer gemacht hat.
Die Autorin: Layla AlAmmar wuchs in Kuwait auf und studierte Kreatives Schreiben an der Universität Edinburgh. Sie hat in The Evening Standard, Quail Bell Magazine, The Red Letters St. Andrews Prose Journal und im Aesthetica Magazine veröffentlicht, wo sie Finalistin für den Creative Writing Award 2014 war. Im Jahr 2018 war sie als British Council International Writer in Residence beim Small Wonder Short Story Festival tätig. Derzeit lebt sie in Großbritannien, wo sie über arabische Frauenliteratur promoviert. Das Schweigen in mir ist ihr zweiter Roman.