Hotel ZNP von Izabela Tadra
Autorin: Izabela Tadra, Genre: Fiktionale Erzählung, Verlag: edition.fotoTapeta, ISBN: 978-3-949262-55-5, 1. deutschsprachige Auflage 08/2025, 188 Seiten, Preis Klappenbroschür €20,00
Debütroman
Aus dem Polnischen von Andreas Volk
Hotel ZNP ist düster, vorwärtstreibend, obsessiv, fesselnd und minutiös ausgearbeitet, gleichermaßen fantasievoll wie streng. Eine Liebesgeschichte ohne Liebe, eine schillernde Satire auf die polnische Familie, eine traurige Reflexion über das menschliche Herz, eine bittersüße Romanze über verlorene Chancen. Ganz ohne die Verlockung modischer Sozialkommentare … (Klappentext)
Er wird kommen, sagte Mutter. „Nachdem so wichtige, bedeutungsschwangere Worte zwischen euch geflossen sind, du wirst sehen.“ „Hast du ihm gesagt, dass du willst, dass er kommt?“ „Ja, wahrscheinlich. Vielleicht ist er krank, viele sind gerade krank.“ „Aber nein, kein Mann wie er. Er ist wie dein Vater.“
Wenn die Männer dann früher als erwartet aus Mutters oder ihrem Leben verschwunden sind, da waren sie sich ähnlich, wunderte sie sich darüber gar nicht. Das war abzusehen, so musste es ja enden, sagte sie dann. Diese blinden Überzeugungen, gepaart mit dieser Schwarzseherei „Wir haben einfach kein Glück“, können sie zur Weißglut bringen.
Man muss auf seine Worte achten, hat ihre Mutter ihr eingeimpft und gerade eben einen ganzen Kübel von Worten über ihr ausgeschüttet. Sie sei zu empfindlich, heißt es dann. Die Mutter habe sich in ihrem Leben schon ganz andere Dinge anhören müssen.
Ihr Nochehemann Wilhelm will, dass sie ihre langen Haare behält. Sie wollte nie lange Haare, schon als Kind nicht. Ihre Mutter wollte das. Nachdem sie ihr erstes Kind tot gebar, rasierte sie sich in einem unbeobachteten Moment den Kopf und Wilhelm schäumte vor Wut. Dann fand er es auf einmal so sexy, dass sie bereute, diesen Schritt gegangen zu sein. Fortan säuselte er ihr ständig in den Nacken. Statt ihm zu sagen, dass er sich verpissen soll, weinte sie ein paar wütende Tränen in sein T-Shirt. Sie wollte wieder arbeiten, er wollte in einen Swingerclub.
Wilhelms folgende Erektionsprobleme ließen sie giftgallig in sich hineinlächeln. Sie konnte gar nicht genug von dem Anblick seiner erschlafften Weichteile bekommen, aber Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall.
Fazit: Izabela Tadra hat in ihrem Debütroman eine unzuverlässige Erzählerin geschaffen. Sie sitzt im polnischen Hotel ZNP, das längst bessere Zeiten gesehen hat, in dem es einen Kristallaschenbecher, statt der obligatorischen Bibel, in der Nachttischschublade gibt und erzählt ihrem Liebhaber eine Geschichte. Die Geschichte handelt von ihrem unersättlichen Mann, einer seiner Affären, ihrem Hündchen und ihr. Es ist die Geschichte einer Frau, die keine Grenzen setzen kann, die sich lieber konsequent im Bad einsperrt, als konstruktiv zu handeln. Der Schmerz des Verlustes des Kindes schwelt untergründig und verleitet augenscheinlich zu Gehässigkeiten. Ich weiß nicht, ob an dem Klischee der anpassungsfähigen polnischen Frau, die in jeder anderen eine Konkurrentin sieht, etwas dran ist, aber wenn, dann hat die Autorin genau über diese erzählt. Ein intensiver Trip durch eine dysfunktionale Ehe. Der Erzählstil ist amüsant und lakonisch und dafür wurde Izabela Tadra mit dem Literaturstipendium JOSEPHA ausgezeichnet.
Die Autorin: Izabela Tadra, geboren 1985 in Jednoröec. Polnische Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin. Ihr Debütroman „Hotel ZNP“ erschien 2024 im Warschauer Verlag filtry. Adaptiert für das Theater wurde das Stück im Teatr Nowy in -odz uraufgeführt. Für den Roman wurde Tadra mit dem erstmalsvergebenen deutsch-polnischen Literaturstipendiums JOSEPHA ausgezeichnet. Sielebt in Warschau und arbeitet dort in der PR-Branche.