Evil Eye von Etaf Rum
Autorin: Etaf Rum, Genre: Migrationsfiktion, Verlag: Pola (Bastei Lübbe), ISBN: 978-3-7596-0024-0, 1. deutschsprachige Auflage 2025, 430 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Aus dem amerikanischen Englisch von Heike Reissig
Ausgezeichnet als bestes Buch des Jahres durch das National Public Radio
Nach außen hin führt Yara ein perfektes Leben: Sie hat ein abgeschlossenes Studium, einen guten Job, erzieht parallel die beiden Töchter und bereitet das Abendessen vor, wenn ihr Mann nach langen Arbeitstagen nach Hause kommt. Doch wieso fühlt es sich nicht richtig an? Woher kommen ihre Unzufriedenheit, ihre Wutausbrüche, ihre zunehmende Verzweiflung? Als Yara nach einem Zwischenfall auf der Arbeit gezwungen wird, eine Auszeit und psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, kommt ein Stein ins Rollen und sie beginnt, sich ihren Gefühlen zu stellen. Evil Eye erzählt von der Bedeutung eines erfüllten Lebens und wie unsere unbewältigte Vergangenheit unsere Gegenwart beeinflusst. (Klappentext)
Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb schweigt sie meistens.
Auf dem Dach eines Gebäudes, einer überfüllten Unterkunft im Westjordanland, zeigte Yaras Großmutter Teta, Yaras Mutter Meriem, das Kaffeesatzlesen. Teta war eine anerkannte Koryphäe, die auch mit großem Geschick auf der Terrasse Obst und Gemüse anbaute. Und an Meriems Hochzeitstag las Teta endlich auch aus ihrer Tasse, doch der Blick in das Porzellan verhieß nichts Gutes. Meriem bekäme viele Kinder und müsse Hürden überwinden. Tete umarmte ihre Tochter weinend. Der Verlust brannte in der Kehle und stach ins Herz. Am nächsten Tag würde Meriem mit ihrem Mann nach Amerika fliegen und von einer Gesangskarriere träumen. Tete legte ihr die goldene Kette mit Fatimas Hand um den Hals, sie werde sie vor dem bösen Blick schützen.
Fadi macht sonntags frei, dann kommen seine Eltern zum Essen. Yara rauscht dann im Eiltempo durchs Haus, um Bäder und Fliesen zu schrubben. Danach kocht sie ein mehrgängiges Menü, das erwartet ihre Schwiegermutter von ihr. Und sobald Nadja die Wohnung betritt, kontrolliert ihr strenger Blick, ob Yara all ihren Pflichten nachgekommen ist. Nadja will, dass es ihrem Sohn gut geht, dass es ihm an nichts fehlt. Fadi, die beiden Mädchen und ihr Job als Dozentin für Kunst belasten sie, aber sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, sich einen Rest Eigenständigkeit bewahren. Sie wird keinesfalls zulassen, dass sie wie ihre Mutter ans Haus gefesselt ist. Doch dann fühlt sie sich an der Uni angegriffen und schimpft eine Kollegin als Rassistin.
Fazit: Etaf Rum hat eine Geschichte über die Auswirkungen transgenerativer Traumen geschaffen. Sie schreibt fiktional über Vertreibung und Migration. Über das Fremdsein, die Entwurzelung mit sich bringt, aber auch über Aberglaube und Gottergebenheit. Yaras Eltern waren von Palästina nach Brooklyn ausgewandert. Yara leidet unter Alltagsrassismus und Vorurteilen, aber auch unter dem kulturellen und religiösen Druck der kleinen arabischen Gemeinde, der sie angehört. Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einer Familie aufwachsen, in der die Rollenbilder klar verteilt sind. Sie sieht jahrelang die Misogynie des Vaters gegen die Mutter. Der Tenor, der ihre Kindheit begleitet, ist, dass Frauen nichts wert sind und jederzeit Schande über die Familie bringen können, dann entweder verbannt oder willkürlich bestraft werden. So wie Yaras Selbstwert leidet, steigt ihr Misstrauen. Mit kurzen Wutausbrüchen versucht sie sich Luft zu verschaffen, wird dann jedoch in erheblichem Maß verurteilt. Letztendlich findet sie sich in einer ebenso toxischen Beziehung wieder wie alle Frauen vor ihr. Ich mochte die Geschichte sehr, weil sie genau die Schieflage verständlich macht, in die Frauen in patriarchalen Kulturen geraten. Ein wichtiges Thema finde ich. Der Roman hatte einige Längen und Wiederholungen und eine entsprechende Streichung einiger Passagen hätte mein Lesevergnügen durchaus verbessern können. Doch im Grunde ist der Autorin ein grundsolider Roman mit einem bewegenden Ende gelungen.
Die Autorin: Etaf Rum wurde in Brooklyn, New York, geboren und wuchs als Kind palästinensischer Einwanderer auf. Ihr Debütroman A Woman Is No Man war ein New-York-Times-Bestseller. Mit ihrem zweiten Roman Evil Eye, der von NPR als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet wurde, festigt Etaf Rum ihre Position als führende literarische Stimme der palästinensisch-amerikanischen Community.