Rezensionen Die Sehenden

Die Sehenden von Sulaiman Addonia

Autor: Sulaiman Addonia, Genre: Migrationsfiktion, Verlag: Orlanda (reihe welt bewegt), ISBN: 978-3-949545-69-6, 1. Auflage 2025, 175 Seiten, Preis Hardcover €21,00

Aus dem Englischen von Sula Textor

Vielfach ausgezeichneter Autor

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Wie in einem literarischen Rausch erzählt Sulaiman Addonia von Hannah, einer minderjährigen eritreischen Geflüchteten, und ihrer ersten Zeit in London. Während sie in dem fremden Land mit ihrer eigenen Handlungsunfähigkeit ringt, werden sexuelle Begegnungen zu einem unmissverständlichen Ausdruck ihres Seins – ein trotziger Aufschrei gegen die endlose Bürokratie der Einwanderung.
Die Sehenden ist damit nicht nur ein mutiger und eindringlicher Roman, sondern auch eine Geschichte über koloniale Traumata und das Gesicht der europäischen Einwanderungspolitik aus der Perspektive der Zufluchtsuchenden.
Aus dem Englischen von Sula Textor (Klappentext)

Keren 1941 

Während britische Truppen die Italiener besiegen, die fünfzig Jahre über Eritrea geherrscht hatten, wurde Hannahs Mutter geboren. Als Hannahs Großvater in den Straßen ihre Befreiung feierte, drehte sich ein Engländer zu ihm und sagte: „Ich Hab Das Nicht Für Dich Gemacht! N*****. 

Da weinte der Großvater über das Ende einer Erniedrigung und den Anfang einer anderen. S. 6

Die äthiopische Arme löste die Briten ab und tötete Hannahs Mutter. Sie hat keine Erinnerung an sie, weiß alles, was sie weiß aus zweiter Hand. 

Wie gebrauchte Kleider spazieren manche von uns durchs Leben mit Geschichten voller Löcher und Lücken. S. 7

Hannahs Vater vertrat das Mantra: „Alles vergeht, nur die Liebe bleibt.“ Obwohl er nicht lesen konnte, sammelte er alle Bücher, die er fand aus dem Müll, brennenden Häusern, Ruinen und Hannah las sie. Er trauerte so intensiv um Hannahs Mutter, dass er entschied, alleine zu bleiben, bis auch er starb. Da wurde Hannah mit den Tagebüchern ihrer Mutter durch die Familie gereicht, bis sie siebzehn war. Ihre Tante schickte sie nach London, damit sie studieren konnte. Nachdem sie in London gelandet war, hielten sie Hannah fest, weil sie keinen Pass hatte. Sie sollte ihn im Flugzeug entsorgen, das hatte ihr der Schlepper gesagt. In London sollte sie sich dumm stellen und so tun, als ob sie die Sprache nicht spreche und das tat sie. Nach stundenlanger Befragung durch eine Arabischdolmetscherin:

Sie übergaben mich der Flüchtlingsorganisation wie ein zerfleddertes Buch voller Eselsohren, das sie alle zu lesen versucht und dann, nachdem sie über schwierige Sätze, verstörende Bilder gestolpert waren, mittendrin abgebrochen hatten und jetzt weiterreichten. S. 41

Und dann kommt Hannah in das Haus von Diana und lernt den wunderschönen, muskulösen Bina Balozi mit dem knackigen PO kennen und von da an nennt sie den ahnungslosen nur noch O BinaB. 

Fazit: Sulaiman Addonia hat eine Protagonistin geschaffen, deren Land und Familie durch kolonialistische Besatzungsmächte, Okkupierung und Bürgerkrieg schwerst traumatisiert wurden. Ihre Familie meint es gut mit ihr, die Tante möchte ihre Chancen auf Bildung erhöhen, aber niemand kann sich vorstellen, welches Leid eine alleinstehende junge Frau auf der Flucht erleiden muss. Endlich im Land ihrer ehemaligen Kolonialherren angekommen wird sie von A nach B gereicht. Ein Asylantrag, der jahrelang nicht bearbeitet wird, verhindert jedes Studium, jeden Job, um in die Eigenständigkeit zu kommen. Hannah bleibt Mensch zweiter Klasse in einem Land, das sie für den Tod ihrer Eltern verantwortlich macht. Auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, dem Wunsch nach Frieden und ihrer Verlorenheit findet sie eine Form von körperlichem Austausch, in dem sie sich intensiv spürt, der ihr ein Gefühl von Macht gibt. Der Autor kann schreiben, seine Metaphern sind großartig. Das ganze Drama der trägen Bürokratie und ihres steifen Regelwerks wird in diesem Roman erlebbar, die Gründe, das eigene Land zu verlassen verstehbar. Ein Buch über Trauma, Freiheit, Weiblichkeit und weibliches Begehren, das ich unbedingt empfehlen möchte. Achtung: Auf manche Gemüter könnten die Liebesszenen verstörend wirken.

Der Autor: Sulaiman Addonia ist ein eritreisch-äthiopisch-britischer Autor. Er verbrachte seine Kindheit in einem Geflüchtetenlager im Sudan und lebte als Jugendlicher in Dschidda, Saudi-Arabien. Er kam als minderjähriger unbegleiteter Geflüchteter, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, nach London und erlangte dort einen Master in Entwicklungsstudien und einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften. Sein erster Roman ‚Die Liebenden von Dschidda‘ (Hoffmann und Campe 2009) stand auf der Shortlist für den Commonwealth Writers‘ Prize und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Sein zweiter Roman ‚Schweigen ist meine Muttersprache‘ (Orlanda 2021) war u. a. Finalist der Lambda Literary Awards 2021 und stand auf der Longlist für den Orwell Prize for Political Fiction 2019. Addonias Essays erscheinen u. a. in Lit Hub und der New York Times. Addonia lebt derzeit in Brüssel, wo er die Creative Writing Schule für Geflüchtete und Asylsuchende und das Asmara-Addis Literary Festival In Exile gegründet hat, das 2022 zu einem der 40 besten Literaturfestivals der Welt gewählt wurde. 2021 wurde er in Belgien mit dem Golden Afro Artistic Award für Literatur ausgezeichnet und 2022 zum Fellow der Royal Society of Literature (RSL) ernannt.

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