Interview mit der Autorin
Du möchtest wissen wer ich bin?
Ich wurde 1969 in Düsseldorf geboren. Die Familienverhältnisse waren schwierig. Mein Vater, Sohn eines englischen Besatzers, war das Kukuksei im Nest meines Großvaters, als der aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Die Kindheit meines Vaters war nicht einfach. Opa war traumatisiert und traumatisierte meinen Vater. Meine Mutter hatte es nicht leichter. Sie wurde in ein Kinderheim gegeben als sie zehn war. Es sollte kaum jemanden wundern, dass mein Vater alkoholabhängig war. Ich verbrachte die meisten Wochenenden bei meinen Großeltern, das war die beste Zeit meiner Kindheit. Oma und Opa waren sehr strukturiert und diese Ordnung und Regelmäßigkeit gab mir die Sicherheit, die meine Mutter mir nicht geben konnte.
Ich war fünf Jahre als ich mitansah, wie mein Vater verprügelt wurde. Danach verschwand er für immer. Das war der erste tiefe Bruch in meinem Leben und ich fühlte mich zutiefst schuldig. Spätere Ereignisse demütigten mich zusätzlich, so dass ich völlig verunsichert aufwuchs.
Meine Mutter ließ sich scheiden und fand einen Job in einer Brotfabrik. Während sie arbeietete, saß ich in meinem Laufstall, steckte Wäscheklammermuster und wartete auf sie. Weitere Einschnitte und Brüche machten aus mir einen sehr unsicheren Menschen. Ich versuchte mich klein zu machen, möglichst nicht aufzufallen, aber das animierte meine Mitschüler*innen erst recht zu Gemeinheiten. Fünf Schulwechsel innerhalb meiner Schulkarriere erschwerten es mir, Anschluss zu finden.
Es dauerte einige berufliche Erfahrungen, Depressionen und Panikattacken, bis ich gefestigt im Leben stand. Heute, mit fast 55 Jahren bin ich angekommen. Mein Leben ist lebenswert, ich fühle mich wohl und sicher.
Wie kam ich auf die Idee zu schreiben?
Ich liebe Geschichten und habe mich schon mit sechs hinter Buchdeckeln versteckt. Ich konnte eintauchen in die Leben anderer, verschwand darin und bekam nicht mehr mit, was um mich herum passierte. In der Schule konnte ich besser schreiben als rechnen. Ich habe Situationen, die mich verstörten mit mir selbst ausgemacht, statt darüber zu reden, schrieb ich. Viel später machte ich mich als Heilpraktikerin selbständig und hatte mehr Zeit, als als Angestellte. Ich schrieb für Schreibwettbewerbe Kurzgeschichten. Einige davon wurden veröffentlicht. Danach schrieb ich auf Social Media und es gefiel. Meine eigene Geschichte zu schreiben verlangte mir einiges ab. Ich wollte erzählen, was passiert war, dabei aber neutral bleiben. Manche Ereignisse waren so prägend, dass ich Albträume bekam, nachdem ich darüber geschrieben hatte. All diese miesen Gefühle von Damals wie, Schuld, Scham und Wertlosigkeit waren wieder präsent. Jetzt, einige Monate nach meiner Veröffentlichung, fühle ich mich befreit. Ich habe alles rausgelassen, was mich verängstigt und daran gehindert hat, ich selbst zu sein.
Warum der Titel Mutterkuchen?
Der Mutterkuchen ist die Plazenta, in der Tierwelt auch Nachgeburt genannt. Einige Leser*innen konnten sich unter dem Titel gar nichts vorstellen, andere fanden ihn unappetitlich. Ich finde, dass der Mutterkuchen ein Wunder der Natur ist. Das Embyo wird darüber ernährt. Es bekommt die Nährstoffe, die es so dringend braucht, um zu wachsen. Über die Hormone, die der winzige Körper mitbekommt, weiß er, wie die Mutter gelaunt ist, ob sie Angst haben muss, sich wohl fühlt, oder Stress hat. Es gibt Untersuchungen über die vorgeburtliche Prägung eines Menschen im Mutterleib. Das sind die Gründe, warum ich den Titel mehr als passend fand.
Warum ich nicht den Verlagsweg gegangen bin?
Ganz einfach, ich bin ungeduldig. Ich habe zwanzig Verlage angeschrieben und zwei haben mir eine freundliche Absage gegeben. Nach sechs Monaten bin ich es selbst angegangen. Es hat im Vergleich zu einem Verlag, weder Vor- noch Nachteile. Ja, ich musste alles selbst bezahlen, Lektorat, Cover, Werbung, Leseexemplare und es hat mich Zeit gekostet, mich in das Thema Selfpublishing einzuarbeiten. Ein Verlag hätte die Werbung übernommen, mir einen Vorschuss gezahlt und mich in den lokalen Buchhandel gebracht, aber ein Garant für Erfolg ist das auch nicht. Und so bin ich den Verlagsweg eben selbst gegangen.
Werde ich noch ein Buch schreiben?
Ich möchte niemandem drohen (lacht) aber ja, ich habe auch schon eine Idee im Sinn, die langsam Gestalt annimmt, möchte jedoch nichts vorwegnehmen. Eines mag ich verraten, es wird um Frauen gehen.
2 Kommentare
war längere Zeit heute auf deiner Seite, ich mag deine Rezensionen, komme wieder um auch anderes zu lesen…
LG Wolfgang
Herzlichen Dank für die Rückmeldung, das freut mich.