Das hier ist nicht Miami von Fernanda Melchor
Autorin: Fernanda Melchor, Genre: Kurzgeschichten, Verlag: Wagenbach, ISBN: 978-3-8031-3382-2, 1. deutschsprachige Auflage 08/2025, 157 Seiten, Preis Taschenbuch €20,00
Mehrfach ausgezeichnete Autorin. Eine der wichtigsten Stimmen Lateinamerikas.
Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar
Eine Karnevalskönigin wird zur Kindsmörderin, ein junger Mann erlebt eine Teufelsaustreibung, ein Dorf übt von der Polizei geduldete Lynchjustiz, und Mel Gibson sucht ein Gefängnis wie im Hollywood-Film. Was in diesem Buch geschieht, hätte überall passieren können, aber aus irgendwelchen Gründen konnte es doch nur hier passieren: in Veracruz.
Ausgehend von realen Ereignissen und Alltagsmythen erzählt Fernanda Melchor von ihrer tropischen Heimatstadt am Meer: von den Florida-Träumen karibischer Migranten, von der Herrschaft der Narcos und den Legenden, hinter denen sich die Abgründe der Gewalt, besonders gegen Frauen, verbergen.
Melchor erfindet nichts und meidet doch billige True-Crime-Effekte. ‚Das hier ist nicht Miami‘ ist der furchtlose Versuch, zu ergründen, welche Begierden, Vorurteile und sozialen Umstände Verbrechen hervorbringen – und warum das Böse in jede Ritze der mexikanischen Realität hineinzukriechen scheint. (Klappentext)
Das hier ist nicht Miami
Eisiger Nordwind, die Temperaturen würden bis 12 Grad runtergehen, hatte sein Vater prophezeit. Seine Schicht begann um 10 Uhr am Abend und endet um 6 Uhr früh, aber vielleicht werden die Verladearbeiten am Pier wegen des schlechten Wetters verschoben. In dieser Nacht sollten sie Stahlrampen auf- und abbauen und zu den riesigen Transportern bringen, in denen die Autos befördert werden. Eigentlich arbeitet Paco samstags nicht, aber er braucht ein paar Sonderschichten, um seine Schulden zu tilgen. Nach acht Transportern warten sie auf den letzten, hocken sich eng aneinander am Pier auf den Boden, um dem Wind zu trotzen. Ein Kastenwagen der Einwanderungsbehörde und zwei Pick-ups voller Hilfspolizisten rasen über den Kai, das Blaulicht erhellt zuckend die Nacht. Sie halten quietschend und stürmen den Schiffsbug einige Anleger weiter. Etwa zwanzig Schwarze vor sich hertreibend kommen die Männer auf den Pier. Sie verladen die Leute und verlassen das Gelände, vom neunten Transporter noch keine Spur.
Königin, Sklavin oder Ehefrau
Im Zentrum von Veracruz geistern viele Gespenster, die manchmal die Seelen im Hafen heimsuchen. Der sagenumwobene kopflose Mönch oder die Frauen, die während der Kolonialzeit von den Männern des Piraten Laurens de Graaf vergewaltigt und getötet wurden. Möglicherweise spukt auch die Mutter, die in einem Anfall von Raserei ihre Kinder getötet, sie zerstückelt und in dem Blumentopf auf ihrem Balkon vergraben haben soll, hier rum. Erst der Gestank ließ ihren Bruder die Abwesenheit seiner beiden Neffen mit dem Mief in Verbindung bringen. Seine Schwester soll voll auf Kokain gewesen sein. Sie war Karnevalskönigin, hing schon mit dreizehn mit Jungs ab, rauchte Marihuana, aber erst nach den Partys und der Aufmerksamkeit drehte sie ab. Evangelina Tejera, 1965 geboren, erlebte verbale und psychische Gewalt im Elternhaus, bis die Ehe zerbrach. Auf Druck der Mutter musste sie die Schule frühzeitig abbrechen, um Geld zu verdienen.
Fazit: Fernanda Melchor, eine der größten lateinamerikanischen Stimmen, hat hiermit ihren ersten Erzählband geschaffen. Als Journalistin in Veracruz schrieb sie die Crónicas, eine einzigartige Mischform aus subjektiver Reportage, Investigativjournalismus und Fiktion. Diese Crónicas flossen in den Erzählband mit ein. Das Buch lebt von 12 Geschichten, die wie eine reale Berichterstattung durch Augenzeugen wirken. Das faszinierende ist, dass der Tenor aller Geschichten die Macht der Drogenkartelle, politisches Versagen, Misogynie und die Einwanderungskrise zeigen. Die Stimmung, die sich durch die Geschichten zieht, ist ergreifend. In mir machte sich Aussichtslosigkeit und betretene Nachdenklichkeit breit, weil nahezu jeder irgendwann mit der Mafia in Berührung gerät. Sei es durch Arbeitslosigkeit (dann muss man eben in irgendwelchen Kellern Kokain eintüten, um zu überleben) Frauen, deren Männer mit den Kartellen in Berührung kommen, getötete Kinder, misshandelte Frauen. Mexiko ist kein lebenswertes Land, ist meine Erkenntnis. Die Autorin hat eine mitreißende Ausdrucksform für ihre Stimme gefunden. Und jetzt kann auch ich nicht mehr sagen, das habe ich nicht gewusst. Ein Buch für alle, die die Welt verstehen wollen.
Die Autorin: Fernanda Melchor, 1982 in Veracruz/Mexiko geboren, gehört zu den wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas. Für ihren Roman ‚Saison der Wirbelstürme‘ erhielt sie 2019 den Anna-Seghers-Preis sowie den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. Zudem stand sie auf der Shortlist des International Booker Prize. Als Journalistin in Veracruz schrieb sie ‚Crónicas‘, eine einzigartige lateinamerikanische Mischform aus subjektiver Reportage, Investigativjournalismus und Fiktion – diese Crónicas gingen in Melchors Erzähldebüt ‚Das hier ist nicht Miami‘ (2013) ein.