Halbe Portion von Elisabeth Pape
Autorin: Elisabeth Pape, Genre: Psychologische Autofiktion, Verlag: Suhrkamp Nova, ISBN: 978-3-518-47512-6, 1. Auflage 2025, 378 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin
Romandebüt
Ein berührendes Debüt über eine unbarmherzige Krankheit und ihre tragikomischen Momente Sie isst wieder. Das war mal anders. Aufgewachsen in Armut, alleine mit ihrer zwanghaft dünnen Mutter, die aus der Ukraine nach Berlin migrierte, schien ihre Zukunft vorprogrammiert. Jetzt, mit Ende zwanzig, hat sie es halbwegs im Griff. Sie joggt viel, ja, zählt jede Kalorie, okay, aber sie führt ihrem Körper morgens, mittags und abends – fast – immer Nahrung zu. Auch wenn sie jeden Cent abwägt, den die Lebensmittel und ihre Zubereitung sie kosten. Nur noch ganz selten erliegt sie ihren alten Gewohnheiten, zu viel zu essen und sich anschließend zu übergeben. Es bleibt dennoch ein Fortschritt. Und dann ist da ein Date, das Hoffnung auf ein besseres Leben gibt, darauf, endgültig aus dem Teufelskreis auszubrechen. Oder doch nicht? In Halbe Portion erzählt Elisabeth Pape eine ganz persönliche Geschichte über Essstörungen, das Aufwachsen in Armut und die damit einhergehenden Zwänge. Der Roman zeigt, warum es für Betroffene so schwer ist, mit erlernten Strukturen zu brechen und einen gesunden Umgang mit Essen und Geld zu finden. Und er spürt der Frage nach, wie uns Familie trägt, aber auch erdrückt. (Klappentext)
Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, hauptsächlich Bücher, sagt sie. Und das stimmt zum Teil! Die vielen Lebensmittel, die sie in Sonderangeboten ergattert und gebunkert hat, verschweigt sie. Sie wuchtet den schweren Schreibtisch mitten in den Raum. Sie wird ihn einnehmen, ihm zeigen, dass sie ab jetzt hier wohnt. Sie könnte etwas essen, nicht weil sie hungrig ist, sondern um den Appetit zu stillen und schaut, was ihr Vormieter dagelassen hat. Buchstabensuppe in der Tüte. Klingt heimelig nach Kindheit. Vier Portionen sollen es sein. Nun gut, dann wird sie vier Portionen essen. Kurz danach verspürt sie immer noch ein kleines Loch. Sie füllt es mit Lindor Schokokugeln, die längst abgelaufen sind. Sie hatte sie bei Amazon entdeckt und konnte bei 29,79 statt 38,99 für ein Kilo nicht widerstehen. Eine Kugel hat 74 Kalorien. Sie packt eine aus und schiebt sie zwischen die Lippen. Schmeckt gut. Die freche Kugel hinterlässt Lust auf noch eine, 148 Kalorien. Nun fühlt sie sich schuldig, deshalb nimmt sie noch eine und spürt das Dopamin durch ihr Hirn fluten. Jetzt ist es auch egal, die müssen eh weg. Sie packt noch eine aus, lässt sie auf der Zunge zergehen, 222 Kalorien. Sie denkt, dass das zügellose Essen sie glücklich machen wird, dass das Essen und spätere Übergeben besser ist, als die Schoki wegzuwerfen. Nach 14 Kugeln ist ihr ein bisschen übel. Sie geht vor der Kloschüssel auf die Knie, kotzt Schokolade, Buchstabensuppe und sogar die Karotten, die sie mittags sorgsam in Streifen geschnitten und in Humus getunkt hatte. Sie fühlt sich schlecht, zurückgeworfen, willenlos und labil.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Elisabeth Pape hat in ihrem autofiktionalen Romandebüt Magersucht beleuchtet. In abwechselnden Kapiteln, die früher und heute genannt werden, erfahre ich, dass sie mit ihrer Mutter von der Ukraine nach Berlin kam. Die alleinerziehende Mutter lebte vom Bürgergeld, vom Vater kam keine finanzielle Unterstützung. Die lieblose, zwanghafte Mutter ist auf ihr Gewicht und das ihrer Tochter fixiert. Sie kontrolliert, was ihr Kind sich zuführt und teilt überstreng zu wenig Nahrung ein. Essen wird zum Druckmittel, das (durch verhasstes Klavierspielen oder gute Noten) verdient werden muss. Essen wird zum Liebesersatz für die fehlende Zuneigung. Ein Teufelskreis, der frühe Prägung erfährt und durch Erniedrigung und Bestrafung befeuert wird. Meine psychiatrischen Erfahrungen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagen mir, dass die Ess-Brech-Sucht und Magersucht ganz schwer zu therapieren ist. Und genau das zeigt die Autorin so gekonnt. Die Hauptdarstellerin zählt jede Kalorie, jeden Cent und vergleicht jedes Supermarktangebot. Sie gönnt sich nichts außer der Reihe, isst, was notwendig ist, um sich „normal“ zu fühlen. Sie findet eine Therapeutin, weil sie wirklich wirklich aus dieser tiefen Lebenskrise hinausfinden will. Doch sie scheitert am Alltag. Jede Entscheidung, die ihre Verantwortung fordert, macht ihr Angst, die sie zum Überessen zwingt. Jede ungewollte Entgleisung schürt ihren Selbsthass und zwingt sie in die Vorratskammer. Jedes Missfallen und das Gefühl, ungeliebt zu sein, befeuert das Bedürfnis, die innere Leere zu füllen. Jeder Stressmoment drängt sie zum Kühlschrank. Die Gedanken kreisen um nichts anderes als Essen und ob sie es sich leisten kann. Verarmungswahn trifft auf eine nicht reale Körperwahrnehmung. Was für ein enormer Stress, der alles an Energie kostet. Diese Geschichte zu lesen ist anstrengend und nervenzehrend. Die Ambivalenz der Betroffenen überträgt sich auf mich, ich liebe und hasse dieses Buch. Ich träume nachts vom Essen. Unglaublich, was die Autorin da geschafft hat, denn deutlicher kann man einem Außenstehenden nicht vor Augen führen, wie beschissen diese Erkrankung ist.
Die Autorin:
Elisabeth Pape, geboren 1995, Tochter einer ukrainischen Migrantin, studierte Theater- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und anschließend Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Sie wurde mit dem Kleist-Förderpreis 2023 ausgezeichnet und erhielt das Leonhard-Frank-Stipendium 2023, das vom Mainfranken Theater Würzburg vergeben wird. Ihre Theaterstücke wurden u. a. am Staatstheater Augsburg, Theater Koblenz und Mainfranken Theater Würzburg uraufgeführt. Halbe Portion ist ihr Romandebüt.